"Sie sehen hier unsern Nachbarn," sagte die alte Dame, indem sie auf
Hippolyt Schinner deutete. "Der Herr ist ein bekannter Maler, dessen
Namen Ihnen trotz Ihrer Gleichgültigkeit gegen die Künste bekannt sein
muß."
Der Edelmann erkannte die Bosheit seiner alten Freundin darin, daß sie den Namen verschwieg, und begrüßte den jungen Mann.
"Gewiß!" sagte er, "ich habe schon viel von Ihren Gemälden sprechen gehört…. Das Talent hat schöne Vorrechte, mein Herr," fuhr er dann fort, während er auf Hippolyts rotes Band blickte, "und diese Auszeichnung, die wir durch unser Blut und lange Dienstzeit erwerben müssen, erlangen Sie schon in der Jugend…. Allein die Arten des Ruhms sind Schwestern." Der Edelmann faßte dabei an sein Kreuz des heiligen Ludwig.
Hippolyt stotterte einige Worte des Danks und schwieg dann wieder, indem er sich begnügte, mit einer stets wachsenden Begeisterung den schönen jungfräulichen Kopf zu betrachten, der ihn entzückte. Bald versenkte er sich ganz und gar in diese Betrachtung und vergaß das tiefe Elend, das durch die Wohnung angedeutet wurde, denn für ihn war Adelaides Antlitz von einer leuchtenden Atmosphäre umgeben. Er antwortete kurz auf die Fragen, die an ihn gerichtet wurden und die er glücklicherweise hörte, denn es ist eine eigentümliche Fähigkeit unseres Geistes, daß er sich bisweilen gewissermaßen verdoppeln kann. Wem ist es nicht schon vorgekommen, daß er in ein angenehmes oder trauriges Nachdenken versunken, die Stimme seines Innern hörte und doch zu gleicher Zeit an einer Unterhaltung teilnahm oder ein Buch las? Es ist das ein wundersamer Dualismus, der oft dazu beiträgt, daß wir die Langweiligen mit mehr Geduld ertragen. Seine Hoffnung erfüllte ihn mit tausend Gedanken an das Glück, und er wollte nichts beobachten, was ihn umgab, denn er hatte noch ein kindliches und vertrauensvolles Herz.
Nach Verlauf einiger Zeit bemerkte er, daß die alte Dame und ihre Tochter mit dem alten Edelmann spielten. Der Trabant des Letzteren blieb seinem Stande als Schatten treu, stand hinter seinem Freunde, betrachtete dessen Spiel und antwortete auf die stummen Fragen, die der Spieler an ihn richtete, durch billigende Winke, die nur eine Wiederholung der fragenden Bewegung seiner doppelgängerischen Verkörperung waren.
"Ich verliere immer…!" sagte der Edelmann.
"Sie werfen falsch ab…!" anwortete die Baronin von Rouville.
"Seit drei Monaten habe ich Ihnen nicht eine einzige Partie abgewinnen können…" sagte er.
"Haben Sie die Aß?" fragte die alte Dame.
"Ja," antwortete er.