"O! er soll es werden!" rief lebhaft der Requêtenmeister aus.

"Ich bezweifle," sagte der Oberst lachend, "denn sie scheint mir in der
Intrige ebenso unbewandert, wie Du in der Diplomatie. Ich wette,
Martial, daß Du nicht weißt, wie sie an ihre Stelle gekommen ist."

Der Requêtenmeister blickte den Oberst auf seine Weise an, die ebensoviel Verachtung als Neugierde verriet.

"Nun," fuhr der Oberst fort, "das arme Kind wird ohne Zweifel pünktlich neun Uhr gekommen sein. Vielleicht ist sie die Erste gewesen … Wahrscheinlich wird sie die Gräfin von Gondreville in große Verlegenheit versetzt haben, da diese nicht zwei Gedanken zusammenreimen kann; verstoßen von der Hausfrau, wird sie dann durch jede Neuangekommene von Stuhl zu Stuhl weiter gedrängt worden sein, bis in das helle Dunkel jenes kleinen Winkels, wo sie nun als Opfer ihrer Demut eingeschlossen ist, und als Opfer der Eifersucht jener Damen, deren eifrigstes Bestreben es gewesen ist, eine so gefährliche und reizende Gestalt in den Hintergrund zu versetzen. Sie wird keinen Freund gehabt haben, der sie ermutigt hätte, den Platz zu verteidigen, den sie dem ersten Plane gemäß eingenommen haben muß, und jede von diesen treulosen Tänzerinnen hat gewiß unter Androhung der schrecklichsten Strafe allen ihren Anhängern verboten, unsere schöne Freundin aufzufordern. Sieh nur, mein Lieber, diese zärtlichen und offenen Augen haben gewiß eine allgemeine Verschwörung gegen die Unbekannte veranlaßt!… Diese Verschwörung wird zustande gekommen sein, ohne daß eine einzige dieser Damen ein Wörtchen gesagt hätte, als: 'Meine Liebe, kennen Sie diese kleine blaue Dame?'—Höre, Martial, willst Du binnen einer Viertelstunde von mehr schmeichelhaften Blicken beglückt werden, als Du vielleicht in Deinem ganzen Leben einernten kannst, so tue, als wolltest Du den dreifachen Wall durchdringen, der unsere Andromeda umschließt…. Du wirst sehen, wie auch die Dümmste von diesen schönen Göttinnen sofort eine List erfindet, die fähig wäre, den Mann einzuhalten, der sich am entschiedensten zeigte, um die klagende Unbekannte in das Licht zu ziehen, denn Du wirst gestehen, daß sie ganz aussieht wie eine Elegie."

"Sie glauben also, Oberst, daß es eine verheiratete Frau ist?"

"Nun, vielleicht ist sie Witwe."

"Dann wäre sie nicht so traurig!" sagte der Requêtenmeister lachend.

"Vielleicht ist sie Witwe, obgleich ihr Mann noch lebt!" versetzte der
Oberst.

"In der Tat gibt es unter den Damen viele solcher Witwen seit dem Frieden …" antwortete Martial. "Aber, Oberst, wir täuschen uns beide. Es liegt zu viel Unschuld in diesen Augen, als daß es eine Frau sein sollte. Es liegt noch zu viel Jugend und Frische auf der Stirn und auf den Schläfen! Welch kräftige Töne des Fleisches! Nichts ist an Lippen und Kinn verwelkt. Alles ist noch frisch wie die Knospe einer weißen Rose, aber auch alles durch Wolken der Trauer verhüllt. Die Dame weint…."

"Wie?…" sagte der Oberst.