Der Besuch des Balles hatte ihr aufrichtiges Herz betrübt. Erst war sie durch das leidende und finstere Aussehen des Grafen von Soulanges erschreckt worden, dann aber noch mehr durch die Schönheit ihrer Nebenbuhlerin. Zuletzt hatte noch die Verderbnis der Welt ihr Herz beengt. Während sie über den Pont-Royal fuhr, warf sie die entweihten Haare, die unter dem Diamant lagen und ihr ehedem als ein Unterpfand reiner Liebe waren dargebracht worden, weg. Sie weinte, indem sie sich der lebhaften Leiden entsann, deren Beute sie seit langer Zeit gewesen, und mehr als einmal seufzte sie, wenn sie daran dachte, daß Frauen, die den ehelichen Frieden erlangen wollen, ohne Klagen im Innersten ihres Herzens Qualen verschließen mußten, die so grausam waren wie die ihrigen.
"Ach!" dachte sie, "wie mögen es die Frauen haben, die nicht lieben? Worin beruht die Quelle ihrer Gleichgültigkeit? Ich möchte meiner Tante nicht glauben, daß die Vernunft hinreicht, um sie bei einer solchen Ergebenheit zu erhalten." Sie seufzte nochmals, als ihr Jäger den eleganten Tritt niederschlug, von dem sie unter das Vordach ihres Hotels sprang. Hastig eilte sie die Treppe hinauf und trat in ihr Zimmer, zuckte aber vor Schrecken zusammen, als sie ihren Mann auf einem Stuhl neben dem Kamin sitzen sah. Er zeigte ihr ein erzürntes Antlitz. "Seit wann besuchen Sie die Bälle ohne mich, meine Liebe?… Ohne mich davon zu benachrichtigen?…" fragte er mit erregter Stimme. "Wissen Sie, daß eine Frau nie den gebührenden Platz findet, wenn sie ohne ihren Mann irgendwo erscheint?… Sie wurden außerordentlich zurückgesetzt, indem man Sie in jenen dunklen Winkel drängte!…"
"O mein guter Leon," sagte sie in einem schmeichelnden Ton. "Ich vermochte dem Glück nicht zu widerstehen, Dich zu sehen, ohne daß Du mich sähest. Meine Tante hat mich auf den Ball geführt und ich war dort sehr glücklich!"
Diese Worte verbannten plötzlich aus den Blicken des Grafen die erzwungene Strenge. Es war leicht zu erraten, daß er sich selbst die lebhaftesten Vorwürfe mache, daß er die Rückkehr seiner Frau gefürchtet habe und überzeugt sei, sie habe auf dem Balle sich von einer Untreue überzeugt, die er ihr hoffte verbergen zu können. Er folgte daher dem Gebrauch solcher Liebenden, die ihre Schuld erkennen, und versuchte den gerechten Zorn der Gräfin zu vermeiden, indem er sich erzürnt gegen sie stellte. Überrascht blickte er nun schweigend seine Gattin an. Sie schien ihm schöner als je, in dem glänzenden Schmuck, der in diesem Augenblick ihre Reize hob.
Was dagegen die Gräfin betraf, so freute sie sich, ihren Mann lächeln zu sehen und ihn zu dieser nächtlichen Stunde in einem Zimmer zu finden, das er seit einiger Zeit weniger häufig besucht hatte. Sie errötete und richtete verstohlene Blicke auf ihn, in denen aber ein Reichtum der Liebe und Hoffnung lag. Soulanges wurde umso trunkener durch sein Glück und seine Liebe, da dieser Auftritt auf die Qualen folgte, die er während des Balles erlitten hatte, und ergriff die Hand seiner Frau, um sie dankbar zu küssen.
"Hortense, was trägst Du denn an Deinem Finger, das mich so hart an die
Lippen drückt?" fragte er lachend.
"Es ist mein Diamant, den Du verloren zu haben glaubtest. Ich habe ihn heute Abend in einem Schubfach meiner Toilette wiedergefunden."
Der Graf bewunderte eine so große Nachsicht, und am folgenden Morgen konnte Frau von Soulanges unter den wiedergefundenen Diamanten neue Haare legen, die nicht wieder weggeworfen wurden, wie die früheren.
DER ARM
In einer Gesellschaft erzählte einer der Anwesenden folgende
Geschichte: