Beim Scheine einer Laterne, die neben das Bett gestellt war, erkannte der Chirurg den Arm wieder und antwortete durch sein Staunen. Ohne weitere Erörterungen senkte der Gatte der Unbekannten seinen Dolch in das Herz des Chirurgen."—
"Ihre Erzählung ist furchtbar schwer zu glauben," sagte ein Zuhörer zu dem Erzähler. "Können Sie mir wohl erklären, wer sie Ihnen erzählt hat, ob der Tote oder der Spanier?"
"Mein Herr," antwortete der Erzähler, "ich habe den armen Mann gepflegt, da er erst fünf Tage später unter schrecklichen Leiden starb. Zur Zeit des Feldzuges, der unternommen wurde, um Ferdinand VII. wieder einzusetzen, wurde ich zu einem Posten in Spanien ernannt, kam aber glücklicherweise nicht weiter, als nach Tours, denn man machte mir Hoffnung auf die Einnehmerstelle von Sancerre. Am Abend vor meiner Abreise war ich auf einem Ball bei Frau von Listomére, wo sich auch mehrere angesehene Spanier eingefunden hatten. Als ich den Spieltisch verließ, bemerkte ich einen spanischen Grande, einen Afrancesado im Exil, der seit fünfzehn Tagen in der Touraine angekommen war. Erst sehr spät war er zu diesem Ball gekommen. Er erschien zum ersten Male vor Leuten und besuchte die Salons in Begleitung seiner Frau, deren Arm durchaus unbeweglich war. Wir wichen schweigend auseinander, um dieses Paar hindurchgehen zu lassen, das wir nicht ohne tiefe Bewegung sahen. Denkt Euch, ein lebendiges Gemälde von Murillo. Unter gewölbten und schwarzen Brauen zeigte der Mann ein starres Flammenauge; sein Antlitz war eingefallen, und sein kahler Scheitel zeigte glühende Tinten; sein Körper war so leidend, daß man ihn nur mit Beben ansehen konnte. Und diese Frau! Man kann sie sich gar nicht vorstellen, ohne sie gesehen zu haben. Sie hatte jenen bewunderungswürdigen Wuchs, für den die spanische Sprache ein besonderes Wort geschaffen hat; obgleich bleich, war sie noch immer schön; ihre Gesichtsfarbe war blendend, infolge eines für eine Spanierin sonst unerhörten Privilegiums; aber aus ihren Blicken strahlte die ganze Sonne Spaniens, und sie trafen den, der sie ansah, wie geschmolzenes Blei.
"Meine Dame," fragte ich die Dame gegen Ende der Soirée, "durch welchen
Zufall haben Sie Ihren Arm verloren?"
"Im Unabhängigkeitskriege," antwortete sie mir.
NACHWORT
Die Holzschnitte von Honoré Daumier und Paul Gavarni, welche die vorliegende Ausgabe schmücken, sind nicht ursprünglich zu diesen Novellen Balzacs geschaffen worden. Sie wurden vom Herausgeber aus dem reichen Werk der beiden bedeutendsten Graphiker ihrer Zeit ausgewählt, weil sie sich einerseits zwanglos dem Text anpassen und ihn trefflich illustrieren, anderseits ihren Wert als selbständige Kunstwerke behaupten. Wie Balzac als Romandichter aus engem Verbundensein mit seiner Zeit heraus die großen Menschheitskomödien und tragödien gestaltete, so schuf mit gleicher Genialität der Zeichner Daumier sein Werk und gab dem Gesicht der bürgerlichen Welt die letzte, gültige Prägung. Balzac war in seinem Werk der miterlebende und dennoch kühl betrachtende Geschichtsschreiber der Gesellschaft und der Chronist der von allen Leidenschaften erschütterten Seele; Daumier enthüllt in seinen Physigonomien mit unbekümmerter Künstler-objektivität das Innenleben des Bürgers und entlarvt ihn mit genialem Federzug bis zur Karikatur. Zu diesen großen Beiden gesellt sich Gavarni, leichteren Blutes und von beweglicherem, spielerischem Geiste, als graziöser, spöttischer Sittenschilderer. Balzac selbst gehörte zu den Bewunderern Daumiers, und von ihm soll die Äußerung herrühren: "Dieser Kerl hat Michelangelo im Leibe!" Und Baudelaire schreibt in seinen Aufsätzen über Maler und Malerei: "Der wahre Ruhm und die wirkliche Sendung Gavarnis und Daumiers bestand darin, Balzac zu ergänzen, der dies übrigens bald erkannte und Bundesgenossen und Dolmetscher in ihnen erblickte und sie als solche ehrte."
CURT MORECK
INHALTSVERZEICHNIS
Pierre Grassou
Die Börse
Ehelicher Frieden
Der Arm