»Ganz ausgeschlossen, mein Lieb! Die wenigen Freunde, die ich hatte, sind Juden und mußten so wie ich das Land verlassen. Außerdem bin ich tatsächlich durch den Bart unkenntlich, besonders, wenn ich ein Monokel trage. Und selbst wenn jemand käme und behaupten würde, daß ich Leo Strakosch bin – ich würde einfach leugnen und niemand könnte mich überführen, denn mein Paß ist echt, die Unterschrift ist echt, und wenn man bei der Polizei in Paris anfragen sollte, so würde man die Auskunft bekommen, daß Henry Dufresne mit Reisepaß nach Wien abgereist sei.«

»Aber Papa und Mama?« fragte Lotte nach etlichen herzhaften Küssen, die ihr trotz Schnurrbart und Mouche wohl taten.

»Die dürfen natürlich nicht ein Sterbenswörtchen erfahren, Lotte«, meinte Leo ernst. »Nicht, daß sie mich anzeigen würden! Aber dein Papa ist zu sehr Beamter und Hofrat, um mir eine solche Mystifikation nicht übel zu nehmen, und außerdem würde er unter keinen Umständen dulden, daß wir zusammenkommen, sondern mich beschwören, wieder fortzufahren. So aber werden wir uns täglich sehen, nicht wahr, Lotte?«

Und Leo erzählte ihr von der behaglichen, kleinen Wohnung, die er eben gemietet und schilderte, wie sie dort täglich ein paar Stunden, so lange Lotte sich eben würde freimachen können, zusammen verbringen würden. Lotte war nur über und über rot geworden, aber sie sah in die ehrlichen und treuen Augen ihres Bräutigams und wußte, daß sie auch ganz allein mit ihm in guter Hut sein würde.

Lotte konnte jeden Augenblick im Garten gesucht werden und Leo mußte verschwinden. Bevor sie aber Abschied nahmen, bewölkte sich wieder die weiße Stirne des Mädchens.

»Leo, du hast nun deine glänzende Karriere in Paris aufgegeben! Was aber willst du hier in Wien tun, wie bei dieser schrecklichen Teuerung, über die nun auch Papa zu klagen beginnt, deinen Unterhalt bestreiten?«

Leo lachte so vergnügt und laut, daß ihm Lotte erschreckt die Finger auf den Mund legte. Was er für eine Aufforderung nahm, die kleinen rosigen Finger zu küssen. Er tat es reichlich und sagte dann:

»Mein Liebes, was ich hier tun werde? Arbeiten, und zwar tüchtig, und ungeheuer viel Geld sparen, weil diese Wiener Teuerung, in Franken umgerechnet, lächerlich billig ist. Du mußt nämlich wissen, daß ich von der größten Pariser Verlagsfirma den Auftrag bekommen habe, eine neue Gesamtausgabe der Werke Zolas zu illustrieren. Glänzende Bedingungen, sage ich dir. Sechzigtausend Francs, wovon ich die Hälfte bei Abschluß der Vertrages bekommen habe. Die andere Hälfte erhalte ich, wenn ich die zweihundert Zeichnungen abliefere, und das muß in einem Jahr sein. Also, du siehst wieder einmal: Wir Juden sind schlau und wissen, wo unser Vorteil bleibt!«

Leo kroch über den Zaun zurück und Herr Dufresne besorgte noch am selben Tag seinen Umzug nach der Billrothstraße. Hofrat Spineder und seine Gattin stellten aber mit Befriedigung fest, daß ihr Töchterchen zum erstenmal seit Jahr und Tag guter Laune war und heiter vor sich hinsang.

»Du wirst sehen,« sagte der Hofrat seiner Gattin, »Lotte schlägt sich nach und nach die ganze traurige Geschichte aus dem Kopf! Der arme Bursch' tut mir ja leid, aber es ist besser so. Uebrigens hat er mir ja auch ganz vernünftig geschrieben und versprochen, den Briefwechsel mit Lotte aufzugeben.«