»Jetzt gehen wir aufs Land, und wenn ich dann wieder hier bin, dann werde ich die ganze Stadt an der Nase herumzerren, aber tüchtig, sage ich dir! Mehr kann ich dir heute noch nicht verraten, aber du wirst deine Wunder erleben!«
Dieser Sommer tröstete die Wiener zum zweitenmal für das viele Ungemach und die argen Enttäuschungen, die sie erleben mußten. Gerade die schönsten Plätze und Orte in dem klein gewordenen Oesterreich waren in den früheren Jahren zum Pachtgut der Juden geworden. Das ganze herrliche Salzkammergut, das Semmeringgebiet, sogar Tirol, soweit es einigen Komfort bot, waren von österreichischen, tschechoslowakischen und ungarischen Juden überflutet gewesen; in Ischl, Gmunden, Wolfgang, Gilgen, Strobl, am Attersee und in Aussee erregte es direkt Aufsehen, wenn Leute auftauchten, die im Verdacht standen, Arier zu sein. Die christliche Bevölkerung, zum Teil weniger im Ueberfluß schwelgend, zum Teil auch großen Geldausgaben konservativer gegenüberstehend, fühlte sich nicht ohne Unrecht verdrängt und mußte mit den billigeren, aber auch weniger schönen Gegenden in Niederösterreich, Steiermark oder in entlegenen Tiroler Dörfern vorlieb nehmen. Das war seit der Judenvertreibung anders geworden. Es gab in den schönsten Sommerfrischen keine Ueberfüllung, die Städter bekamen auf ihre Nachfragen höfliche und eilige Antworten, und trotz der sonstigen Teuerung waren die Wohnungs- und Zimmerpreise erheblich billiger als vor zwei Jahren. Und so schwärmte denn alles, was Geld und Zeit hatte, in jene Gegenden, die dem bodenständigen Wiener früher verleidet worden waren.
Die Besitzer der großen Etablissements, Kuranstalten und sogenannten Sanatorien schnitten allerdings sauere Mienen. Sie hatten immer von dem internationalen Judentum gelebt, ihr ganzer Betrieb war auf jene Menschen eingestellt, die nicht rechnen, wenn es sich um ihre Behaglichkeit handelt, und nun fanden sie, da sie auch bei gutem Willen nicht billig sein konnten, nicht genügend Gäste. Die großen Semmeringhotels eröffneten ihre Betriebe überhaupt nicht mehr und viele Hotels im Salzkammergut und Tirol sahen sich mitten im Sommer genötigt, zu sperren und ihr Personal zu entlassen. Das war ein Wermuttropfen im Becher der Freude und machte böses Blut unter der Landbevölkerung, die gewohnt war, ihre Produkte zu enormen Preisen den großen Hotels zu verkaufen und ihre Töchter und Söhne im Sommer ein schweres Stück Geld als Stubenmädchen und Hausdiener verdienen zu lassen.
Der Bürgermeister von Semmering hatte den Mut, es in einer Gemeinderatssitzung offen herauszusagen:
»Mit den Juden hat man bei uns den Wohlstand vertrieben, ein paar Jahre noch und wir werden zwar gute Christen, aber bettelarm sein!«
* * *
Als der Sommer vorüber war und der Herbst die Blätter färbte, begann in fast schon gewohnter Weise die Krone neuerlich zu fallen und die Teuerung anzusteigen. Die Preise wurden phantastisch, selbst reiche Leute scheuten die Anschaffung eines neuen Kleidungsstückes, die Arbeiter, die Angestellten, ja auch die Arbeitslosen stellten neue Forderungen, eine Fahrt auf der Straßenbahn kostete schon tausend Kronen und ein Kilogramm Butter fünfzigtausend.
Unter allgemeiner Verbitterung, Nervosität und Unruhe trat im Oktober die Nationalversammlung zusammen, und das Gesicht des Kanzlers Doktor Schwertfeger sah zerklüftet, durchfurcht, vergrämt aus. Als er sprach, herrschte nicht jene weihevolle Ruhe wie früher, sondern es wurden Rufe, Zwischenbemerkungen laut, sogar die Galerie machte sich durch Oho-Rufe bemerkbar und die kleine Opposition der Sozialdemokraten ließ sich nicht mehr einschüchtern, sondern griff immer wieder in die Debatte ein.
Schwertfeger gab einen Ueberblick über die trostlose finanzielle Lage des Landes und fuhr dann fort:
»Ich muß es rund heraussagen: Große und schwere Opfer stehen der christlichen Bevölkerung Oesterreichs bevor. (Zwischenruf von der Galerie: Natürlich nur den Christen, da wir ja die Juden hinausgeschmissen haben!) Opfer, die mit Mannesmut und Bürgertreue geleistet werden müssen! Die Regierung braucht zur Fortführung der Geschäfte Geld, und da wir vom Auslande keine weiteren Kredite bekommen können, müssen wir die Unsummen, die die Verwaltung, die Verzinsung der Schulden und die Unterstützung der Arbeitslosen verschlingt, durch neue Steuern, direkte und indirekte, hereinbringen. (Große Unruhe im ganzen Hause.)