Leo lachte herzlich.
»Mädel, du hast Augen wie ein Luchs! Also, dann will ich dir mein Geheimnis eben schon heute anvertrauen.«
Er zog das Tuch fort und Lotte erblickte neben einem Typenkasten und einer Miniatur-Handpresse einen Stoß frisch gedruckter Zettel. Erstaunt las sie:
»Wiener, geht es euch heute besser oder schlechter als zur Zeit der Juden? Ueberlegt in Ruhe und Ihr werdet euch die richtige Antwort geben! Wir alle haben einst geschrien: »Hinaus mit den Juden!« So schreien wir heute: »Herein mit jenen Juden, die ehrlich und treu mit uns arbeiten wollen.«
Der Bund der wahrhaftigen Christen.«
Verblüfft, verwirrt, verständnislos ließ Lotte das Papier fallen und ergriff einen anderen Zettel, auf dem gedruckt stand:
»Wir sehnen uns nicht nach den kulturfernen Ostjuden. Aber die intelligenten, klugen, wertvollen Juden, die schon vor dem Jahre 1914 unsere Mitbürger waren, müssen wir wieder mit offenen Armen aufnehmen, wenn wir nicht rettungslos verelenden wollen! Auf zur Tat, bevor es zu spät ist!
Der Bund der wahrhaftigen Christen.«
Fragend sah Lotte ihren Bräutigam an.
Dieser hob sie zu sich empor, küßte sie auf die Nasenspitze und lachte wieder aus vollem Halse.