Und so geschah es, nur daß das »Zusammenausarbeiten« darin bestand, daß Herr Laberl die Rede, die sein Präsidialist niederschrieb, auswendig lernen mußte. Als dann die Versammlung der Bürgervereinigung abgehalten wurde, begrüßte sie Herr Laberl sehr feierlich, sprach von dem Ernst der Zeiten, von den Zuständen, die man nicht mehr ertragen könne und sagte schließlich:
»Der Ruf nach Neuwahlen wird immer ungestümer und ich bin der letzte, der den Ruf nicht hören will. Im Gegenteil, ich persönlich bin dafür, daß man tut, was das Volk will und durch Neuwahlen feststellt, ob die Bevölkerung Oesterreichs auch jetzt noch gutheißt, was die Regierung vor mehr als zwei Jahren getan, oder ob sie eine radikale Aenderung wünscht. Ich und wohl mit mir Sie alle, meine Herren, haben nur ein Ziel vor Augen: Den Wiederaufbau möglich zu machen, das unglückliche Volk aus dem Labyrinth, in das die Entente aber vielleicht auch schwerwiegende eigene Irrtümer es gestoßen haben, wieder ans Licht des Tages zu führen. Keine Dogmatik, kein Fanatismus, keine persönliche Antipathie oder Sympathie darf uns leiten, meine Herren, sondern lediglich der Nützlichkeitsgedanke!«
Kallop sorgte dafür, daß die Rathauskorrespondenz noch in derselben Nacht die Rede des Bürgermeisters im Wortlaut den Zeitungen übermittelte, und am nächsten Tag wußte es sogar der dümmste Kerl von Wien, daß Karl Maria Laberl den Bundeskanzler im geeigneten Moment im Stich lassen werde.
Als Doktor Schwertfeger in den Morgenblättern die nur von der »Arbeiter-Zeitung« entsprechend kommentierte Rede des Bürgermeisters las, stieg ihm gallbitterer Speichel in den Mund und er spie aus. Dann warf er einen langen, verlorenen, glanzlosen Blick vom Fenster über den Volksgarten, den jetzt ein weißes Leichentuch bedeckte.
Herr Kallop aber rieb sich im Rathaus vergnügt die Hände. Und nachdem er sich vergewissert, daß weder ein Kollege noch ein Amtsdiener im Zimmer war, sagte er laut und vernehmlich: »Maseltoff!« und klopfte dreimal unter den Tisch. Wobei zu bemerken ist, daß Herr Kallop eine üppige, zwar schon zweimal geschiedene, aber dafür mit zahlreichen Millionen gesegnete Jüdin verehrte, die in Prag im Exil lebte. Und er wünschte nichts sehnlicher, als ihre und ihrer Millionen Rückkehr ins teure Vaterland, schon deshalb, weil er mit seinem Gehalt als Präsidialchef unmöglich die Teuerung länger aushalten konnte und außerdem falsch in polnischer Mark spekuliert hatte.
* * *
Der Fasching dieses Jahres konnte die Laune der Wiener nicht verbessern. Grimmige Kälte, viel Schnee, ungeheizte Zimmer, weil der Meterzentner Kohle hunderttausend Kronen kostete, eine Pleite nach der anderen, der Zusammenbruch eines großen Bankkonzerns, bei dem viele ihr Geld liegen hatten.
Die Bälle und Redouten standen vollständig unter dem Zeichen des Dirndlkostüms. Da der Toilettenluxus fehlte, machte man aus der Not eine Tugend, veranstaltete fast nur Bauernbälle, so daß Wien eher einem »Kirtag« glich als einer Großstadt.
Dazu kam, daß Wien vollständig aufgehört hatte, eine Theaterstadt zu sein. Die ersten Kräfte der Staatsoper gastierten unaufhörlich im Ausland, die Philharmoniker absolvierten eben eine Tournee in Südamerika, die Privattheater hatten sich in Provinzschmieren mit unzulänglicher Regie, minderen Kräften und veralteten Spielplänen verwandelt, von auswärts kamen längst keine Konzertgäste mehr, weil ihnen Wien die großen Gagen nicht zahlen konnte, Zeitungen waren neuerdings eingegangen, weil die Zahl der Leser immer mehr abnahm und plötzlich ertönte wieder der Alarmruf: »Die Krone fällt!«
An den ausländischen Börsen fanden enorme Kronenabgaben statt, so daß Zürich sie bald nur mehr auf ein Dreißigtausendstel Centime bewertete. Demgemäß stiegen alle Preise und die Bevölkerung begann in Verzweiflung zu geraten. Als das Kilogramm Fett eine Viertelmillion Kronen kostete, erschien wieder das geheimnisvolle kleine Plakat des Bundes der wahrhaftigen Christen mit den Worten: