»Unsinn«, erklärte Leo energisch. »Was Sie haben, kann man Ihnen nicht mehr nehmen! Vielleicht, daß man es Ihnen abkaufen oder daß der frühere Firmeninhaber sich mit Ihnen zu einer Teilhaberschaft bequemen würde. Die Hauptsache ist aber doch wohl, daß Sie die Jagerhütln und die Lodenröcke wieder hinausschmeißen und Ihre Auslagen so arrangieren können, wie sie einst waren.«
Begeisterung glomm in den Augen Habietniks auf und mit warmem, ehrlichem Ton erwiderte er:
»Jawohl! Das ist die Hauptsache! Wenn ich daran denke, daß hier wieder einmal Leben und Luxus herrschen könnte, wie einst – nein, das ist ein zu schöner Traum, um wahr zu sein.«
»Hören Sie, Herr Habietnik,« sagte Leo, indem er seine Hand auf den Arm des Kaufmannes legte, »Sie sind der Mann, um den Traum wahr zu machen! Noch trennen uns Wochen von den Neuwahlen. Das genügt, um eine bürgerliche Partei, bestehend aus den fortgeschrittenen Elementen, den angesehenen Kaufleuten, den Gelehrten, Rechtsanwälten, Künstlern und Fabrikanten zu bilden, mit der offenen und ungeschminkten Parole: Aufhebung des Ausnahmegesetzes gegen die Juden! Nehmen Sie das heute noch in Angriff, bilden Sie ein zwölfgliedriges Komitee, in dem drei Kaufleute, drei Industrielle, drei Festangestellte und drei Leute mit freiem, akademischem Beruf sitzen, lassen Sie, da Sie noch keine Zeitung zur Verfügung haben, zehntausend Plakate drucken, gründen Sie dann Bezirkskomitees, betreiben Sie Propaganda von Straße zu Straße, von Haus zu Haus und der Erfolg kann nicht ausbleiben. Ich bin ein Fremder, kenne die Verhältnisse nicht so genau wie Sie, aber dafür bin ich objektiver und ich weiß ganz sicher, daß ein erheblicher Teil der Bevölkerung die neue Partei stürmisch begrüßen wird.«
Herr Habietnik war Feuer und Flamme. Am selben Abend noch trommelte er ein halbes Hundert Kaufleute aus der Inneren Stadt, Fabrikanten, Rechtsanwälte zusammen, und um ein Uhr morgens war das Komitee konstituiert, dem ein gemeinsam gezeichnetes Millionenkapital zur Verfügung stand.
Die neue Partei hieß »Partei der tätigen Bürger Oesterreichs«, stellte sich auf ein absolut bürgerlich-freisinniges Programm und begann mit einer lebhaften und temperamentvollen Agitation. Daß der Franzose Dufresne die Flugzettel und Aufrufe verfaßte, das wußte niemand als Herr Habietnik.
Der Erfolg übertraf die kühnsten Erwartungen. Früher war die Bevölkerung jedem Versuch, eine demokratische Bürgerpartei zu gründen, mit größtem Mißtrauen entgegengetreten, weil sich in solcher Partei immer wieder die Juden vordrängten. Diesmal war das eine rein christliche Angelegenheit, die Namen der Parteiführer bürgten dafür, daß es sich nicht um eine von auswärtigen Juden angezettelte Verschwörung handelte, und alle die Leute, die durch das Judengesetz geschädigt worden waren, drängten sich in die Komiteelokale, um Mitglieder der neuen Partei zu werden. In hellen Scharen kamen die Kaufleute, die Juweliere, die Stückmeister der großen Schneider, die brotlos gewordenen Chauffeure, sie brachten ihre Frauen mit, immer größer wurde der Ansturm, trotz des Zeter- und Mordiogeschreies der christlichsozialen Blätter. Die »Arbeiter-Zeitung« verhielt sich zurückhaltend und durchaus nicht aggressiv. Man sagte sich dort, daß zweifellos die Partei der tätigen Bürger den Sozialdemokraten Tausende von Stimmen entziehen würde, andererseits aber dorthin alle jene Stimmen strömen würden, die sonst sich der Wahl enthielten oder doch wieder den Christlichsozialen oder Großdeutschen zuliefen. Also beschränkte sie sich darauf, hier und dort gegen das Programm der Bürgerlichen zu polemisieren, im geheimen aber wurden in zweifelhaften Bezirken sogar Vereinbarungen geschlossen.
Und der Tag der Wahlen, die auf den 3. April festgesetzt worden waren, rückte näher und näher, die ganze Welt begann sich für sie zu interessieren, die fremden Börsen nahmen eine abwartende Haltung ein und ließen die Krone auf ihrem Tiefstand ruhen, und Wiens bemächtigte sich zunehmende Aufregung, die wiederholt zu Exzessen und bösartigen Tumulten führte. Denn alle Parteien arbeiteten mit jedem verfügbaren Mittel: die antisemitischen schrien »Verrat!« und erzählten Schauergeschichten von der Verschwörung des internationalen Judentums; die Sozialdemokraten hetzten gegen die Bauern, die die arbeitende Stadtbevölkerung ausplündern und gegen die christliche Demagogie, die sich nur selbst durch die Ausweisung der Juden hatte bereichern wollen; die neue Bürgerpartei aber führte immer wieder auf riesengroßen Plakaten Ziffern auf, die bewiesen, wie furchtbar die Verelendung Wiens seit der Ausweisung der Juden, wie Wien tatsächlich zu einem Riesendorf geworden, wie jeder Schwung und Zug ins Große geschwunden. Und immer wieder versicherte sie in allen Variationen und Tonarten:
»Das Ausnahmsgesetz gegen die Juden muß aufgehoben werden, aber gleichzeitig wird es Sache einer klugen, gewissenhaften Regierung sein, alle jene Elemente, die nicht schon vor dem Weltkrieg in Wien seßhaft waren, fern zu halten, es sei denn, sie können vor einem zuständigen, aus Bürgern und Arbeitern zusammengesetzten Gerichtshof nachweisen, daß sie willens und fähig sind, in Oesterreich nutzbringende, produktive, werterzeugende, dem Gesamtwohl notwendige Arbeit zu leisten.«
Beim Bundeskanzler fanden täglich bis in die Nacht währende Sitzungen statt, in denen beraten wurde, wie man am besten der neuen Partei und dem wieder erstarkten Sozialismus entgegenarbeiten könnte. Schwertfeger hatte die richtige Empfindung gehabt. Es mußte ein neuer, mächtiger Geldkredit aufgebracht werden, die Krone mußte steigen, die Bevölkerung erfahren, daß das Christentum der ganzen Welt mit ihr solidarisch sei – dann würde die Regierung den Sieg erringen. Und der Finanzminister Professor Trumm hatte sich gleich nach der Auflösung des Hauses auf die Beine gemacht und war nach Berlin, Paris und London gefahren, um zu betteln und zu beschwören. Vergebens! Die großen christlichen Vereinigungen im Ausland, die französischen Antisemiten, die holländischen Christen – sie alle hatten Worte des Mitempfindens und der Sympathie, erkundigten sich lebhaft nach dem Schicksal der vielen Millionen, die sie der guten Sache schon geopfert, und hielten die Taschen fest zu. Die größte Enttäuschung bildete das Verhalten des amerikanischen Billionärs Mister Huxtable, auf den man am sichersten gerechnet hatte. Er ließ alle Telegramme und Bittschriften unbeantwortet, und zehn Tage vor den Wahlen kam ein Kabeltelegramm des Vertrauensmannes der österreichischen Regierung in Newyork, das folgenden niederschmetternden Wortlaut hatte: