„Der Winter ist vorüber, der Regen vorbei, vergangen.“ Der Lehrer fuhr wieder heim in seine Stadt und die Schule ist aus und vorüber. Nur einige Erinnerungen an die Melodie zum Hohenliede sind geblieben, die wie weiße Wolken am Himmel schweben. Awremel ist jetzt ein freier Mann; sogar einen Fingerring besitzt er, einen Ring von reinem Silber, den er im Kehricht fand. Er weiß aber noch nicht recht, was er mit seiner Freiheit und seiner Herzensfreude und mit dem Fingerring anfangen soll.
Der Himmel ist hell, die Sonne klar und neuer Schein über der Welt. Wie schön, wie lieblich wäre es jetzt, hinauszugehen und unter der Wölbung des reinen Himmels hinzuwandeln und still in die Tiefen der Welt zu träumen! Oder mit allen Gespielen wie junge Füllen hinzusprengen, die dem Wind nachjagen, den Duft der feuchten Erde, des neusprießenden Grases zu atmen, Könige zu wählen, Heere anzuführen und Krieg zu erklären!... Aber ach, eins hindert an all dem, eins ist unheilvoll: der Schmutz. Alle Gassen sind voll Morast, so daß nicht einmal ein trockener Übergang möglich ist.
Durchsuchen der Truhen
Und im Hause geht erst recht alles drunter und drüber. In allen Zimmern eine heillose Unordnung; mit jedem Schritt stolpert man über allerlei Möbelstücke und Gerätschaften, die von ihren gewohnten Plätzen fortgerissen und durcheinandergerüttelt sind. Eiserne und kupferne Töpfe werden mit Knirschen und Kreischen geputzt, so daß die Ohren zerreißen und alle Nerven im Körper erzittern. Den Kissen und Matratzen werden die Überzüge abgenommen, dann klopft man sie mit Stöcken, dichter Staub steigt auf, Federn fliegen; und der Staub erhebt sich und füllt einem die Augen, er fällt wieder und legt sich auf alles; alles sieht so schmutzig aus, dazu ist es mit Kalk und Lehm beschmiert. Und von all dem Schmutz hat man einen faden Geschmack im Munde, wie von gelöschtem Kalk oder geknetetem Lehm.
Kaschern
Das alles hätte Awremel schließlich nicht gestört; hier seine Kraft und seinen Heldenmut zu zeigen, wo es ein gottgefälliges Werk war, das Haus auf den Kopf zu stellen, hätte ihm nur gepaßt. Aber seine Mutter stört ihn und vertreibt ihn von überall. Hier steht die neue Kiste, die man für Mazzoth gekauft hat, und dort ein Fäßchen für Borschtsch zu Peßach. Diesem „Allerheiligsten“ darf man nicht nahekommen. Wenn er in die Küche kommt und den Herd nur anrührt, jammert die Mutter gleich: „Herr der Welt, wozu lebe ich noch?“ Auch der alten Dienerin, die sonst zu Awremel immer so sanft ist, weil er doch ein „Gelehrter“ ist, darf er jetzt ohne Lebensgefahr nicht in die Nähe. Sie tüncht und kalkt mit der Magd, hadert mit ihrem Schicksal und lamentiert: „Herr der Welt, wie soll ich bis zum Seder-Abend mit all der Arbeit fertig werden?“
Der Herr der Welt scheint aber an ihrem Schmerz wenig Anteil zu nehmen und macht sich im Himmel und auf Erden einen prächtigen Frühling. Der Tag leuchtet immer tiefer, die Sonne gleißt, die Luft weht lau, der Wind geht frisch und eine geheimnisvolle Freude verbreitet sich im ganzen Weltraum.
Mehlbeuteln
Was soll aber Awremel anfangen? Er klettert auf den Schrank, um die Peßach-Hagadah zu suchen. Dabei wirft er ein Gebetbuch in den Kübel, in dem die Magd den Kalk mischt. Der Kalk spritzt hoch auf, daß die Magd fast blind wird. Die Mutter will ihn fassen, er springt herab, balanziert zwischen den Gefäßen, die dastehen, zerbricht einen irdenen Topf und entwischt.
„Unglücksjunge,“ ruft ihm die Mutter nach, „was hast du hier zu suchen? Trink Tee und geh ins Beth-Hamidrasch beten, wie jeder Mensch.“ Das leuchtet Awremel ein; schnell verschwindet er und verzichtet sogar auf den Frühstückstee; denn im Beth-Hamidrasch kann er seinen Gespielen seinen Ring zeigen, seinen Fund, und sie können ihm vielleicht einen Rat geben, was er damit tun soll.