Und dieses reiche Gut war für unser Volk höchst notwendig. Nicht nur, um es aus Mizrajim hinauszuführen; noch mehr, um es nach Erez-Israel hineinzubringen und es dort festzusetzen. Denn aus Mizrajim zu ziehen, war ja noch nicht der schwerste Teil der Aufgabe. Und Moses befürchtete, und mit Recht, daß die Reichen in Israel, die wenigen Glücklichen und vom Schicksal Begünstigten, die trotz aller beschränkenden Gesetze Zeit genug gefunden hatten, um reich zu werden und ein schönes Vermögen zu sammeln, daß diese nicht einverstanden sein würden, auszuwandern, und erklären würden, sie wollten in Mizrajim bleiben. Und die Ersparnisse der Arbeit von 410 Jahren, die Früchte der schweren Mühen eines ganzen Volkes durch viele Geschlechter würden im Lande des Elends geblieben sein, das Volk aber hätte mit leeren Händen in sein neues Land kommen können. Mit leeren Händen gehen, mit leeren Händen kommen; mit leeren Händen aber ist es schwer, es vorwärts zu bringen.
Und darum begann er vom ersten Tage an, wo er kam, um dem Volke im Namen der zukünftigen Erlösung, im Namen des Vaterlandes zu sprechen, darum begann er von der ersten Sekunde an auf das „reiche Gut“ zu dringen, mit dem sie aus Mizrajim ziehen sollten. Und ich stelle mir vor, daß das auf das große Publikum, auf das Volk, sogleich Eindruck machte. Das Volk hörte mit Begeisterung seine neuen Worte, die Verkündigung der Erlösung, und „das Volk glaubte und hörte, daß Gott der Kinder Israels gedachte und ihr Elend ansah“. Das Volk glaubte, das Volk hoffte. Aber auf die großen Kapitalisten wirkte die Sache nicht so schnell. Sie standen abseits; und es dauerte noch lange, Tage und Jahre, ehe man einsehen lernte, daß die reiche Bourgeoisie nicht so einfach beiseite geschoben werden könne, daß auch sie zum Volke gehöre und der Erlösung wert sei wie das ganze Volk. Noch länger aber währte es, bis die alten Reichen begriffen, daß auch sie eine Erlösung nötig hatten, so wie das ganze Volk, und daß ihnen ihr reiches Gut am Tage des Gerichtes nichts helfen würde. Wenn sie sich nicht beeilen würden, aus dem Lande zu ziehen, wenn sie sich nicht rechtzeitig vor dem Tage des Gerichts eine Ruhestätte inmitten ihres Volkes bereiten würden — da müßte langsam, langsam auch ihr Gut zergehen und ihr Reichtum ein Ende nehmen.
Es brauchte lange, ehe man all das verstand. Und in dieser Zwischenzeit scheint es, daß unser Volk in gänzliche Armut geriet. Die Reichen, die am Beginn von Moses Propaganda sehr reich gewesen waren, hatten vermutlich Verluste gehabt... Und nun sahen sie ein, daß sie entrinnen müßten, der mit einem bißchen Gut und jener mit einem bißchen. Und das Volk zog aus Mizrajim mit großer Hoffnung auf den Gewinn von Erez-Israel. Vielleicht war so mancher Reiche unter ihnen, der nicht aus ganz freiem Willen ging, nur als ob ihn ein böser Geist triebe. Und diese waren gewiß der Erlösung nicht so ganz würdig. Und trotzdem reut es mich auch ihrer nicht; sie waren im Volk aufgelöst und ihr Vermögen blieb in Israel. Wäre es denn besser, sie wären mit ihrem Besitz in Mizrajim geblieben und die Ägypter wären auf jüdische Kosten reich geworden? Mit ihrem Gelde hätten sie Pferde und Wagen gerüstet, ihren Brüdern nachzujagen.
Und wir müssen zur Ehre unseres Volkes sagen, daß wie damals auch jetzt nur ganz wenige Leute von diesem Schlage unter uns sind. Viele unserer Reichen sind vielleicht zu sehr zugeknöpft; aber sie sind doch umgängliche Leute, intelligent und in ihrer Art auch dem Volke getreu. Nach meiner Meinung sind sie alle der Erlösung würdig — daß sie aber eine Erlösung brauchen, das ist über jeden Zweifel erhaben.
Und ich billige das System Moses. Ich billige seine Erinnerungen und Mahnungen betreffs des „reichen Gutes“: „Und dann werden sie ausziehen mit reichem Gute!“
Aber, wahrhaftig, Moses Programm beginnt sich zu verwirklichen. Unsere Jugend, die noch vor kurzer Zeit unsere Bourgeoisie so tief verachtet hat, ist schon klüger geworden und hat eingesehen, daß das Kapital für uns sehr wichtig ist. Und ich wage zu glauben, daß auch der jüngste Arbeiter, der erst heute zu arbeiten begonnen hat, die bürgerlichen Gäste, die nach Erez-Israel kommen, mit Liebe empfängt. Und was noch wichtiger ist, die Reichen selbst, und gerade die Besten unter ihnen, sind zu der Einsicht gekommen, daß ihnen eine Erlösung nottut. Daß es sich lohne, „mit reichem Gute“ nach Erez-Israel zu gehen; daß es richtig sei, dort für sich selbst und für das Volk etwas zu unternehmen.
Und sie kommen wirklich. Wenn nicht mit reichem Gute — das Vermögen ist einstweilen noch im Ausland —, die Kapitalisten selber kommen schon. Wir wollen hoffen, daß das Programm Moses, wie es sich zu verwirklichen beginnt, auch gänzlich durchgeführt wird. Die Kapitalisten werden sich nicht damit begnügen, daß sie selbst das Land bereisen; im nächsten Jahre werden sie samt dem „reichen Gute“ kommen.
Wer anfängt mit der Erlösung, dem sagt man: Vollende!
VOM AUSZUGE.
Um vielerlei guter Werke willen ward Israel aus Ägypten erlöst: weil sie ihre Namen nicht verändert hatten und ihre Sprache nicht aufgaben und ihre Geheimnisse nicht verrieten und an der Beschneidung festhielten.