Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefaßt sind, dann nach oftmaligem Händewaschen die Erklärung, warum wir an diesem Abend die vielen bitteren Kräuter essen. Es ist zur Erinnerung daran, daß unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und daß sie, durch die Wüste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kräuter. Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzoth entzwei, legten die eine Hälfte unter das Polster zum „Aphikomon“ (Nachspeise) und die andere Hälfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die Tischgenossen als „Mozi“ (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot, vor jeder Mahlzeit). Dann aß man vom Meerrettich: erstens zu Maror, der in Charoßeth getunkt, so rasch als möglich verschluckt wird, da dies ohne Mazzoth geschehen muß. Dann der Korech, wieder eine Portion Meerrettich zwischen zwei Mazzothstückchen gelegt. Für jeden Brauch wird zuvor ein bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam an diesem Abend den Meerrettich gehörig zu spüren; und wir mußten mit Tränen in den Augen zugeben, daß das Leben unserer Vorfahren in Ägypten bitter war. Später wurden Radieschen und Eier in Salzwasser getaucht; das mundete schon besser, und endlich kam das Abendbrot an die Reihe, das mit Pfefferfischen begann, dem eine fette Brühe mit Mazzahmehlklößchen folgte und das mit einem feinen frischen Gemüse endete. Dann bekam jeder Tischgenosse von dem aufbewahrten Aphikomon. Nun wurden die Becher aufs neue mit Wein gefüllt. Man goß sich Wasser über die Hände, was man „Majim Acheronim“ nennt (letztes Wasser), wobei ein kleines Gebet verrichtet wurde, und nun schickte man sich an, das Tischgebet zu sagen, womit gewöhnlich einer der Herren bei Tische beehrt wurde. Am Schluß des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft mit einem lauten „Amen“ ein; und nachdem jeder für sich leise das Nachtischgebet mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und jetzt begann der zweite Teil der Hagadah. Zum vierten Male füllte man die Becher. Diesmal wurde auch die große silberne Kanne gefüllt, die in der Mitte aufgestellt und für den Propheten Eliahu bestimmt war. Dieser Brauch findet in den kabbalistischen Schriften eine Erklärung. Nach der kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl ißt oder trinkt schädlich oder es kann zum mindesten schädlich wirken. Daher muß bei der Sedermahlzeit zu den vier Bechern, die getrunken werden, noch ein fünfter gefüllt werden.
Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, daß der Prophet Eliahu ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher unverwandt nach der Kanne und wenn sich die äußerste Schicht an der Oberfläche leise bewegte, waren wir überzeugt, daß der Prophet anwesend war und uns überrieselte es kalt und heiß. Sämtliche Becher wurden gefüllt und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu öffnen. Nun begann man das Kapitel „Sch’foch chamathcha“ zu rezitieren; hierauf folgten die Schlußkapitel des Hallel. Und zum Schluß das allegorische Liedchen „Chad Gadja, Chad Gadja“, „Ein Zicklein, ein Zicklein“. Mit diesen und ähnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschluß. Jeder hatte seinen vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern aller Tischgenossen sah man die Abspannung und Erregtheit infolge des ungewohnten Weingenusses. Meine älteren und jüngeren Geschwister verließen eine nach der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu Ende gesungen waren, was nicht als Verletzung der Religion oder der Hausdisziplin galt. Mich aber hielt etwas zurück, das ich mir um nichts entgehen lassen wollte. Es war Schir haschirim, das Hohe Lied, das Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit meiner ganzen Seele aufnahm. Die herrliche Verschmelzung von Tönen und Worten wirkte auf das Kindesgemüt berauschend; ich lauschte entzückt. Das ganze Lied wurde im Rezitativ in sieben Tönen gesungen, wobei sich mein älterer Schwager David Ginsburg besonders auszeichnete, und hat sich so lebhaft, so unvergeßlich meiner Seele eingeprägt, daß ich den Anfang noch heute, an meinem späten Lebensabend, auswendig kann. Was gäbe ich darum, noch einmal in meinem Leben das Lied so schön singen hören zu können. Auch meine Mutter pflegte gewöhnlich noch bei Tische zu bleiben.
Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bett zu gehen. Ich aber bat, noch bleiben zu dürfen, was sie mir für ein Weilchen auch gestattete. Als sie aber merkte, wie müd und abgespannt ich war, erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frühere Bitte noch inständiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, daß ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu erscheinen und kroch auf einem im Winkel stehenden großen Armstuhl und hörte mit wahrem Seelengenuß dem Gesange zu. Bis zum Schluß hielt ich es aber nicht aus, und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja mich entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief aber bald wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen mit der gleichen frohen und vergnügten Laune. Alles im Hause war festlich geschmückt; überall feierliche, herrliche Osterstimmung! Draußen strahlte der Frühlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab. Die Luft war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid angelegt zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im Elternhause, wie schön bist du!
DIE CHAGIGAH VON RECHOBOTH.
Von Julius Heilbrunn.
Der Prophet Jesjah
Ich hatte meinen Aufenthalt in Erez Israel (anläßlich der Turnfahrt 1913) um eine Woche über die geplante Zeit hinaus verlängert, um den Seder in Jeruschalajim und die Chagigah in Rechoboth mitzuerleben. Ich habe den Entschluß nicht bereut. Ein freundlicher Zufall ließ mich auf dem Rückwege von Haifa nach Jerusalem das seltsame Peßachopfer der Samaritaner auf dem Berge Garisim sehen, das wie eine tolle unwahrhaftige Phantasie in meiner Erinnerung steht. Welch bizarre Mischung von Urtradition und modernstem Geschäftsgeist! Die Samaritaner bringen seit zweitausend Jahren die Peßachwoche auf der Opferstätte in Zelten zu. Die Zelte vermieten ihnen Thom. Cook Sons, wie riesige schwarze Lettern auf den weißen und bunten Zelttüchern verkünden.
Der Seder in Jerusalem wich von keinem Seder irgend eines jüdischen Hauses in der ganzen Welt ab. Deutschland und England, Rußland und Südafrika, Kanada und Australien hatten ihre Vertreter entsandt. Sie alle einte am Schluß das eine „ Gam leschanah habaah bijruschalajim!“
Der Weg nach Rechoboth führte mich über Ekron, das ich vordem nicht gesehen hatte. Als wir kamen, traten gerade die Makkabim (Turner) an, um in frischem Marsch und mit frohem Lied nach Rechoboth zu ziehen. Es war eine Freude, die prächtigen Gestalten in guter Haltung, netter Tracht und in bester Stimmung auf diesem Boden und bei diesem Marsch zu treffen. So ist an jenem Tage im ganzen Land aus den meisten jüdischen Kolonien die Jungmannschaft aufgebrochen, um auf dem Festplatz im männlichen Kampfspiel die Kräfte zu messen. Manche kamen auch durch Kolonien, die keine Makkabim zu entsenden hatten. Dieser Durchmarsch verfehlte seine Wirkung nicht. Beschämt stand in solchen Plätzen die Jugend dabei; man ist sofort daran gegangen, neue Vereine zu gründen oder schwach gewordene neu zu beleben.
Am Tage vor der Feier trafen wir in Rechoboth ein, das uns schon vordem lieb geworden war, weil es am stärksten den gesunden Geist des neuen freien jüdischen Jischub und wirtschaftliche Selbständigkeit erkennen ließ.