Jetzt aber warf sich Berta über den Leichnam, sie preßte ihren Mund auf die bleichen Lippen des Toten und trank, trank, trank gierig und verzückt von seinem Munde. Dann sprang sie leicht vom Boden, sie schaute glücklich und trunken um sich, ihre Lippen schrieen nicht mehr und konnten auch nicht sprechen, und nun lachte sie irr und verloren, dann beugte sie sich nieder, als habe sie etwas vergessen, sie ergriff dann die Glastafel bei der Bank und stürmte in den Turm, das Tor hinter sich zuschlagend. Die Menschen draußen aber standen unbeweglich und wußten nicht, was sie jetzt tun sollten, als warte jeder auf ein Stichwort vom anderen, und alle schauten auf den Grafen, ob er das Schweigen löse. Der bückte sich endlich zu dem Toten nieder, dann nickte er langsam und bestätigend, er tat seinen hart geschlossenen Lippen Gewalt an und sagte: »Bringet den Meiersleuten im Tale ihren Sohn, sie sollen ihren Teil haben!«
Dann winkte er dem jungen Landgrafen und sie bestiegen die Rosse. Es war finster im Walde und sie wußten nicht, da sie schweigend heimritten, warum bei der ersten Wendung des Weges die Pferde sich bäumten. Dort fanden die Fackelträger kurz darnach die tote alte Gräfin und bei ihr ein mageres Rößlein, das einen zerrissenen Zügel schleifte und sie beschnupperte. Dem banden sie den leichten Leichnam auf den Sattel und zogen zu Tale.
Drin in dem runden Turme, von wo der Blick weit, weit über die Wälder schweifen konnte, saß Berta am Fenster, das ihre Mutter ihr überlassen hatte. Sie saß still und mild mit einem glücklichen Lächeln um die Lippen da, sie hielt die Glasscheibe Leons in Händen und schaute Tag und Nacht durch das Fenster, das er ihr gebracht hatte, ins Land hinunter. Ihre blauen, unergründlich dunkelblauen Augen waren weit geöffnet und wie in tiefes Träumen versunken, sie horchte oft gespannt auf, als vernehme sie einen fernen Zuruf, dann beugte sie sich wieder ganz nahe ans Fenster und lächelte es an und küßte es, und die Amme, die nun ihr Pflegekind wieder hatte, weinte gar oft über die sanfte Güte ihrer Schutzbefohlenen und erzählte immer neue Beispiele davon der Mutter Leons, wenn die sie besuchen kam. Von ihr ließ sich Berta auch gerne streicheln, aber sie sprach kein Wort mehr und schaute nur unverwandt durch das Wunderglas, das die Sehnsucht nehmen konnte.
Und dazu brauchte es gar manches Jahr; und es begab sich das Wunder, daß Berta eines Morgens mit geschlossenen Lidern hinter dem Glasfenster saß und das Glas, das schon in den letzten Monden bläulich geschimmert hatte, tief dunkelblau geworden war, so tief blau, wie Bertas Augen gewesen waren. Und als die Amme das Haupt Bertas aufhob und ihre erloschenen Augen öffnete, da war das Blau darin geschwunden, die Augen waren farblos wie Wasser, durchsichtig wie Luft. Da deckte sie die Lider über die Augen, die wie zwei große Kugeln durch die dünnen Lider sich vorwölbten. Sie legte den Körper der Entschlummerten auf ihr Bett, und der Leichnam war so gefügig und sanft, als ob noch die gute Seele der Gestorbenen darin wohne. Dann nahm sie die Glasscheibe vom Fenster wie ein Heiliges und deckte zitternd ein seidenes Tuch der Gräfin drüber. Sie zögerte lange, ehe sie aus dem Gemache wegging, sie mußte immer wieder zum Lager hinschauen, als müßte die still dort Schlummernde die Lider noch einmal über den großen Augen öffnen, als müßte ihre Brust sich nach einem schweren Seufzer wieder heben und senken, jetzt, da das Wunder mit dem Glase geschehen war. Aber das glückselige, unsäglich süße Lächeln um die friedlichen, schmalen Lippen löste sich nicht, der Seufzer blieb aus und die großen Augen blieben hinter den Lidern verborgen.
Da kniete die Amme noch einmal beim Bette der Toten nieder, da seufzte sie recht aus tiefstem Herzensgrunde auf und bekreuzte dann die Tote, indes große Tropfen über ihre Wangen herabrannen.
Und dann ging sie aufrecht und feierlich ins Schloß hinab, den Tod Bertas zu melden.
Das blaue Glas aber brachte sie am gleichen Tage den Meiersleuten.
Das ist die Geschichte von der Grafentochter und dem blauen Fenster, wie ich sie oben in dem einsamen Waldkirchlein an dem schönen Grabmale träumte. Und ich denke mir, daß dieses stille und friedliche Kirchlein an dem runden Wartturm an der gleichen Stelle angebaut wurde, an der Berta ihren geliebten Toten auf den Knieen hielt.