Die Mutter war im vorigen Winter mit Emilia in Genua gewesen, um Nachrichten über ihren Sohn zu sammeln. Man hatte in den alten Adelsgeschlechtern die beiden Damen mit großer Herzlichkeit und Freude aufgenommen, da die Fabbri ein edles Geschlecht und mit mehreren Patrizierfamilien verschwägert waren; so ließ man die Frauen denn nicht gleich wieder in ihre Einsamkeit zurück, obgleich sie nichts über ihren Sohn hatten erfahren können; und auf einem Feste hatte sich ihnen ein junger römischer Kavalier, ebenfalls Offizier des Geschwaders, zugesellt, ein Graf Ermete Palma, den die sanfte Schönheit Emilias entzückt hatte und der gleich bei ihrem ersten Anblicke seine Bewunderung nicht hatte unterdrücken können. Und als dann die Frauen wieder heimgekehrt waren, war er öfter mit den jungen Genueser Kavalieren herausgeritten und hatte die Mutter durch seine guten Sitten und Emilia durch seinen ritterlichen Frohsinn bezaubert, so daß auch sie ihm ihre Neigung nicht verbarg. Dann kam er auch allein zu ihnen, und in der Mutter waren fröhliche Hoffnungen erwacht, da er den Eindruck eines edlen und tüchtigen Offiziers machte, der von ehrlicher Liebe und aufrichtiger Neigung erfüllt schien. Er war aber einer jener allzu liebenswürdigen Jünglinge, denen das Leben nur einen Wert hat, weil schöne Frauen auf Erden wandeln, und Emilia war ihm in ihrer jungfräulichen Reinheit wohl ein würdiges Ziel erschienen, um seine Betörungskünste an ihr zu erproben, was ihm auch leider vollkommen geglückt war. Aber so unglücklich sie nun alle durch den Grafen geworden waren, die Schwester sei trotz ihres Fehltrittes, so schwur die Mutter, rein und mädchenhaft geblieben, da sie wie unter einem Zwange alles gelitten habe, wie in einem Traume, dem freilich dann ein schreckliches Erwachen gefolgt war; denn im Frühjahr sei der Graf verschwunden, ohne auch nur einen Abschiedsbrief an die Unglückliche zu hinterlassen, und nicht mehr gekommen. Und auch in Genua, wo sie vorsichtig hatten Umfrage halten lassen, habe niemand gewußt, wohin sich Graf Palma gewendet habe.
»Ich werde ihn schon zu finden wissen!« hatte Riccardo gesagt, »verlaß dich auf mich, Mutter, ich werde ihn finden, den Buben! Laß mich nur keine Zeit verlieren, Emilia wird gerächt werden!«
Und ohne daß er der Mutter Vorwürfe gemacht oder die Schwester getröstet hätte, ritt er am nächsten Morgen mit seinem Diener wieder nach Genua zurück, um die Spur des Verführers zu verfolgen; er hatte kein bestimmtes Gefühl, was er mit dem Verführer beginnen würde, wenn er ihn erst fände, ob er ihn töten oder zu seiner Schwester zurückbringen wolle; er hatte nur den einen Gedanken, vor ihn hinzutreten und ihm in die Augen zu sehen, nur ein Ziel, sich zu rächen. Und während ihres schweigsamen Rittes, da er vor sich hinstarrte, vertieften sich die Falten seiner Brauen und drohten seine Blicke ins Leere, um aufzublitzen, wenn er leise das süße Wort Rache vor sich hinmurmelte. Dann ritten sie abends in Genua ein.
III.
Es war nicht viel, was Riccardo in Genua erfuhr; er erschien zum großen Jubel der jungen Kavaliere an diesem Abend in ihrer Mitte, und bald schien er der Übermütigste und Tollste von ihnen zu sein; sie schwärmten die ganze Nacht durch und hatten keine Ahnung, wie vernichtet das Gemüt ihres guten Kameraden war, der munter bei der Tafel saß und immer wieder mit ihnen anstieß. In den Zwiegesprächen, die er dabei mit den Patriziersöhnen hatte, erfuhr er nur, welch prächtiger Kumpan Ermete Palma gewesen sei, ein Held im Trinken, ein tollkühner Fechter und Reiter und der Liebling der Frauen, die ganz verschossen in seine überschäumende Jugend gewesen seien. Ja, sie wären fast auf Riccardos Schwester eifersüchtig geworden, da er diese immer als ein Muster von Schönheit und Lieblichkeit gepriesen habe und wahrhaft verliebt in sie gewesen sei. Aber niemand konnte ihm bestimmt sagen, wohin sich der junge Römer gewendet habe. Die einen wollten wissen, daß er auf einem der Schlösser seines Vaters weile, indes die andern behaupteten, daß er plötzlich abberufen worden sei, um auf einem römischen Schiffe an einem Kriegszuge teilzunehmen.
Darüber erschrak Riccardo sehr, da er fürchten mußte, so den Gegenstand seiner Rache zu verfehlen; doch hoffte er, daß die andere Mitteilung seiner Kameraden die richtige sei, und ritt schon am nächsten Morgen aus und gegen Rom, zum großen Erstaunen und Ärger der jungen Genueser, denen seine Anwesenheit eine Reihe von fröhlichen Festen versprochen hatte.
Auf dem langen Ritte sprach Riccardo kaum ein Wort; aber sein Blick wurde freier, als sie endlich Rom zu ihren Füßen sich ausbreiten sahen, seine Wangen röteten sich, als ob er einen großen Sieg erkämpft hätte, als ob nun nichts mehr seine Rache hemmen könnte.
Das Geschlecht der Grafen Palma war in jener Zeit eines der besten in der römischen Aristokratie, das unermeßlichen Reichtum mit großer Kunstliebe und einer großzügigen Freude, das Leben schön zu verbringen, vereinte. Die Palma bewohnten einen großen und herrlichen Palast in der Stadt; alle Merkwürdigkeiten fremder Länder, die gerade damals von den Seefahrern heimgebracht wurden, alle Schätze alter und neuer Kunst waren in diesem im edelsten Ebenmaße gebauten Palast versammelt, in welchem alle hervorragenden Männer Roms gern und in wahrhaft festlicher Weise verkehrten; denn der alte Graf Palma war ein echter Aristokrat, der in seinen jungen Jahren sich sogar einen gewissen Ruhm als Dichter erworben hatte, durch Gedichte freilich, die mehr einen wohlgebildeten Geist als wahrhaftes Künstlertum bezeugten. Immerhin hatte diese tätige Beschäftigung mit der Poesie sein reges Gefühl für die Künste wach erhalten, so daß der noch ganz jugendlich empfindende Graf ein wahrer Freund der Künstler und ihr Schirmherr blieb und als solcher auch von ihnen warm verehrt wurde. Auf den Sohn war von dieser Kunstfreude nicht viel übergegangen, obgleich auch er die Kunst als Lebensschmückerin liebte und gern mit den freidenkenden Künstlern verkehrte, aber mehr aus Lust an Unterhaltung und witzigen Gesprächen, als aus wirklichem Bedürfnis; wohl aber auf die Tochter Francesca, den Stolz und die Freude des Hauses, die mit warmem Gefühl und schöner Stimme die Romanzen jener Tage sang und die mit seinem Geist mit den Dichtern über ihre Verse sprach, die sie als ihre Schutzgöttin besangen und feierten.
Als denn Riccardo in diesen Palast eintrat und durch die geschmückten Hallen, die eines Königs würdig waren, erregten Herzens dahinschritt, da war es ihm, als ob sein Rachegefühl vor dieser Pracht und diesem ungemeinen Reichtum schwankend würde, als wäre er mit seinem Hasse in eine Welt geraten, die, heiter und fürstlich, weit von jeder Not des Lebens entfernt läge, und eine schmerzliche Verwunderung ergriff ihn über sein schwankendes Gefühl. Er kam sich wie ein Bettler vor, der einem reichen Manne sein Elend klarlegen will und merkt, daß der sich nicht einmal eine Vorstellung davon machen kann, wie jämmerlich Menschen ihr Dasein fristen können. Dann aber stieg auch der Groll des Bettlers gegen den Reichen doppelt in ihm auf, sein Haß flammte um so glühender in die Höhe, er umfaßte den Griff seines Degens und fühlte eine brennende Befriedigung bei dem Gedanken, daß er, der Sohn eines verarmten Edelmannes, dieses verwöhnte Bürschchen seinem Überfluß entreißen und sich an diesem Buben rächen werde. Er sah im Geiste das ärmliche Haus seiner Mutter in dem unwirtlichen Tale bei Genua und sah die beiden zerstörten Frauen durch die öden Räume schleichen, seine entehrte Schwester, die dieser Lüstling wohl gar für beneidenswert hielt, weil er sie seiner Umarmung gewürdigt hatte! Und Riccardo umklammerte den Degenknauf, denn dieser Bube ging in diesem Hause, durch dieses Tor, diese Halle, diese Gänge, und wenn er ihm jetzt entgegentreten würde, das fühlte er, dann würde er ihn, ohne ein Wort zu sprechen, niederstoßen.