Als die leuchtende Sonne den Schläfer am anderen Morgen weckte, da gab er sich erst den angenehmen Gefühlen eines Jünglings hin, der am vergangenen Abend ein Mädchen kennen gelernt oder eigentlich nur gesehen hat, das ihn entzückt und das ihm der Inbegriff alles Schönen und Begehrenswerten scheint, wovon er je geträumt hat: sie ist ihm ganz in strahlendes Sonnenlicht getaucht, ist zierlich und heiter und dünkt ihn das verlockendste Spielzeug, das er gern wie ein Kind an der Brust bergen und streicheln möchte. Er sucht sich recht genau an ihre liebliche Gestalt zu erinnern, er freut sich, daß sie kleiner ist als er und daß er sich zu ihrem rosigen Ohr herabbeugen muß, um ihr was recht Holdseliges zu sagen. Er schließt die Lider noch einmal, um sich wie in einem lauen Bade wohlig zu strecken. Und wenn in seinem Denken finstere Vorstellungen ihm das freundliche Bild verdunkeln wollen, dann scheucht er sie unwillig fort, er fühlt, daß seine Sehnsucht ihn langsam das begehrenswerte Wesen lieben lehrt. Aber die dunklen Gedanken ballen sich immer dichter, immer undurchdringlicher, und plötzlich strafft der Träumer sich empor, er spricht zu sich wie zu einem anderen Menschen, er schämt sich vor sich selber.
So ging es Riccardo jetzt; er mußte des Zwischenfalles während ihres Rittes gestern gedenken, da Emilio seine verwegene Frage mit dem stolzen Worte: ›Sie ist eine Palma!‹ beantwortet hatte. Sein heiteres Morgenbild verschwand, er erinnerte sich an den Zweck seines Hierseins, an seinen Entschluß und den neuen Plan für seine Rache.
»O, das wird viel schwieriger durchführbar sein, als ich dachte! Sie ist so schön, so rein!«, träumte er vor sich hin. Da stand aber wieder das Bild seiner Schwester vor seinem Blicke, die er sich auch so schön, so rein geträumt hatte, wenn er auf dem Schiffe seinen holden Heimatsgedanken nachhing, und ein frischer, ungleich tieferer Schmerz erfüllte sein Herz. War seine Schwester so leicht zu erobern? Hat sie sich dem Werben seines Todfeindes Ermete so willig hingegeben? Trägt nicht auch sie vielleicht eine Schuld?
Seine erregte Phantasie zeigte ihm körperlich deutlich Ermete und seine Schwester, das konnte er nicht ertragen, er sprang vom Lager auf, er machte sich rasch fertig und rief seinen Diener. Der führte ihn ins Nebengemach, wo der Morgenimbiß seiner harrte. Und dann eilte Riccardo in den Garten hinab, nur von dem Wunsche erfüllt, sich und den Gedanken seiner Einsamkeit zu entfliehen.
IX.
Als Riccardo in den flimmernden, grünen Garten trat, unter dessen alten Bäumen die Gesellschaft heiter versammelt war, da verwandelte sich sein Trübsinn gleich in die glücklichste Fröhlichkeit. Er lachte mit den andern, die den Langschläfer mit frohem Zuruf begrüßten, die Betten im Hause Spada seien doch besser als Schiffsbetten. Das erweise sich auch an Emilio, gab er munter zu, den er auch noch in der Gesellschaft vermisse.
»Da seid Ihr irre,« sagte Emilios Vater, »der ist heute gar zeitig früh aus den Federn gekrochen und läßt sich entschuldigen. Er und Maria sind mit den Palma, die wieder heimgekehrt sind, vor einer Stunde etwa weggeritten, um ihnen das Geleite zu geben.«
»O, das tut mir leid,« stammelte Riccardo, und seine Worte konnten als Entschuldigung dafür gelten, daß er sich von der gräflichen Familie nicht verabschiedet habe. Es war keine Wolke an dem blauen Himmel, aber sein Gesicht war plötzlich ganz dunkel geworden und einer der Nobili, der dessen acht hatte, sagte spottend:
»So reitet ihnen nach; wenn Ihr scharf zureitet, könnt Ihr gewiß den Schleier der schönen Francesca noch im Winde flattern sehen, ehe sie in dem dichten Schatten von Selva nera verschwinden!«