Der Böse stand aber gerade in dem Augenblicke wieder bei der Mutter Gottes, als diese ihren schönen Mund öffnete, um Amen zu sagen. Er machte eine höfliche Verbeugung, wie ein galanter Ritter, und dankte ihr mit einem höfischen Kratzfuß für die gütige Erlaubnis. Sein Werk sei vollendet. Die Madonna aber lächelte milde und sprach ihr Amen und schlug drei Kreuze. Da entlief der Böse mit lautem Geschrei. Sie aber machte sich auf und wandelte still ihres Weges.

Als nun das Abendglöcklein geläutet und das Tor des Klosters verschlossen war, bereitete die Schwester Clarissa ihr armseliges Nachtlager, entkleidete sich und nahm dann das Geschenk vor, als eben der Mond hell und träumerisch durch ihr Fenster leuchtete. Die ganze Stube flimmerte in weißem Silberlicht, so herrlich strahlte an diesem Abende der Mond vom gestirnten Himmel. »Ich hätte das Geschenk der Oberin zeigen sollen,« flüsterte sie in den Mondschein, »aber sie hätte es, fürchte ich, gegen den Wunsch der Spenderin im Sonnenlichte geöffnet! Ja, geöffnet! Ja gewiß,« beruhigte sie ihr ängstliches Gewissen, »und ich will es der Oberin gleich bringen!« Doch dabei nestelte sie schon an dem Tüchlein und da, o Wunder! lag das Gebetbuch vor ihr und leuchtete und schimmerte ihr entgegen, als wäre wahrhaftig ein Stück Mondes in das Tuch eingehüllt gewesen. Es war aber gar kein Gebetbuch, sondern ein Spiegel, den der schlaue Teufel in ihre Nonnenklause geschmuggelt hatte, und Clarissa hatte niemals einen Spiegel gesehen, da solch ein Werkzeug der Eitelkeit in einem Nonnenkloster unbekannt ist. Darum hielt sie das viereckige Stück leuchtenden Glases auch zuerst für den silbernen Beschlag eines wertvollen Buches, das sie morgen der Oberin übergeben müsse; als sie aber versuchte, es zu öffnen, und sich voll Neugierde darüber beugte, sah sie darin ein menschliches Gesicht, blühend schön und mit lachenden Augen, mit einem wißbegierig geöffneten Mund und bebenden Lippen, wie sie nie ein schöneres gesehen hatte. Das kurze Blondhaar flimmerte und schimmerte im Mondschein, als wenn es selbst aus Mondesstrahlen gesponnen wäre, und das Antlitz schaute sie mit kindischem Vergnügen an, da es sich bewegte wie ihr eigenes Gesicht, und lachte in den Spiegel hinein, zu sehen, ob es in dem Glase auch lache, und dabei vergaß sie ganz, daß sie damit etwas Sträfliches tue. Dann aber erinnerte sie sich plötzlich daran, wie sündhaft es sei, sich so am eigenen Gesichte zu ergötzen, und deckte schnell das Tüchlein darüber. Aber es ließ sie nicht in Ruhe. Denn das Bild, das sie gesehen hatte, war zu schön gewesen, als daß sie dem Zauber hätte widerstehen können. Sie lüftete das Tüchlein wieder, indem sie ganz laut vor sich hinsprach, daß dieses Geschenk ja von der bekannten und heiligen Berthilde stamme, die ihr gewiß nichts Unlauteres geschickt hätte! »Morgen früh geb ich es der Oberin,« sprach sie feierlich. Dabei lachte sie sich aber wieder mit glücklichen Lippen zu und nickte dem lieblichen Bilde im Spiegel freundlich entgegen und bewegte den Kopf hin und her und ordnete ihr Haar mit einem kleinen Seufzer, daß es so kurz sei. Und sie machte mit den Händen über den schönen, weißen Nacken eine streichelnde Bewegung, als fahre sie sich mit den Fingern durch dichtes Haar, als stelle sie sich vor, wie herrlich ein langes blondes Lockengewirr zu ihrem Gesichte passen müsse. Dann öffnete sie ihr grobes Hemd und sah nun die Herrlichkeit ihres weißen Busens im Spiegel und es war ihr, als ob die Mondesstrahlen jetzt noch heller leuchteten, weil sie sich mit dem blendenden Scheine ihrer Brust vermählten; und lachte, lachte laut vor sich hin!

So hatte sie an die ganze Welt und ihren himmlischen Bräutigam vergessen! Eine unbestimmte, drängende Sehnsucht war in ihr erwacht, daß sie lange mit dürstenden Lippen vor dem Spiegel saß und sich nicht satt schauen konnte. Denn wenn der Böse etwas unternimmt, das muß man ihm lassen, so tut er es ordentlich und keine Gesellenarbeit; so daß denn das fromme Gemüt der lieblichen Clarissa ganz verwirrt ward an diesem Abend und sie vom plumpen Kruzifix an der Wand das Kränzlein herabnahm, das sie aus dem Garten jeden Morgen holte, um ihren Bräutigam zu schmücken, und sich die schlichten Blumen in das Haar legte; daß sie den schwarzen Rosenkranz vom Bette nahm, ohne auch nur an Beten zu denken, und ihn um den weißen Hals legte, den Spiegel hin und her drehend, um nur ja keinen neuen Reiz ihrer Schönheit zu übersehen.

Es war eben ein teuflischer und kein gewöhnlicher Menschenspiegel, und ein so starker Zauber ging von ihm aus, daß, als der Morgen graute, das Gemüt der armen Nonne schon ganz verwandelt war und sie sich reisefertig gemacht und, ohne die Schwere ihrer Sünde zu empfinden, das Tor geöffnet hatte und daß sie einfach aus dem Kloster davonlief. Den Spiegel aber hatte sie in das Tüchlein eingeschlagen und trug ihn wie einen Schatz an ihrem Busen. Es war ihr, als ob der Spiegel sie in die Welt zöge, so lustig und glücklich hüpften ihre Füße den Weg in das Leben hinaus. Und sie eilte dahin bis in den leuchtenden Morgen.

II.

Nun lebte zur selben Zeit auf seinem Schlosse Schwarzenburg, das prächtig und drohend auf einem waldigen Berge über ein ängstlich geducktes Dörflein gleichen Namens hinwegsah, ein melancholischer Graf Heinrich, der trotz seiner mannbaren Jugend von dreißig Jahren doch schon seit vielen, vielen schwarzen Tagen sein Leben abgeschlossen wähnte und in einer beklagenswerten Dürre des Gemütes sich für fertig und abgewirtschaftet hielt. Er war vor einigen Jahren noch einer der weltfreudigsten Ritter gewesen, der sich in Turnieren tummelte und die Farbe seiner Geliebten verteidigte, was nie ohne Sieg über den Gegner und das Herz der Erkorenen ausgegangen war; aber da er es vielleicht in diesen Jahren seiner strotzenden Kraft etwas zu sehr aus dem Vollen getrieben hatte, so war er bald in eine schwere und traurige Trübheit verfallen, in der er sich für ausgedorrt und jeder Erregung unfähig hielt, für einen Bankerotteur des Lebens und der Liebe, und hatte sich gekränkt und unhold auf seine Burg zurückgezogen, in das höchste Turmgemach, das er ganz schwarz hatte ausschlagen lassen. Hier saß er als ein Unnütz und Grillenfänger seine traurigen Jahre ab; doch war seine Melancholie nicht von der Art, die seufzt und betet, sondern er fluchte und war immerfort verdrießlich, so daß er eigentlich ein recht unlieber und abscheulicher Herr geworden war, der seinen alten seufzenden Diener quälte, daß es ein Jammer war. Wenn der ihn ob seiner Krankheit bedauerte, so fluchte er, und wenn er ihn nicht bemitleidete, so schimpfte er erst recht über Vernachlässigung, denn er hatte immerfort das Bedürfnis nach Martyrium, im Sommer, daß er schwitzen, und im Winter, daß er so frieren müsse, obgleich das Turmgemach während der heißen Monate recht angenehm kühl und im Winter so gut geheizt war, daß er wohl hätte zufrieden sein können. Hier oben saß er nun und war fest überzeugt, daß sein dürrer Stamm nun so langsam verdorren und nie mehr ein neues Reis ansetzen werde.

Oder war doch nicht so ganz überzeugt; darum wurden auch alle weisen Ärzte und Heilkünstler, deren man habhaft werden konnte, aus der ganzen Welt nach Schwarzenburg berufen und hatten sich nacheinander mit dem melancholischen Grafen eingeschlossen, um ihre Wunder an ihm zu probieren. Er war geschröpft worden, hatte allerlei Pillen und Pülverchen geschluckt, Kröten- und Eidechsenaugen zu Hunderten gegessen, trug Amulette auf der Brust in Lederbeutelchen und Leinwandsäckchen, daß kaum Platz für sie war und um seinen Hals von den hundert Schnüren, an denen sie hingen, sich mit der Zeit ein breites Halsband gebildet hatte, und alles dies, ohne daß seine verlorene Jugendkraft und Weltfreude sich neu eingestellt hätte. Und immer wieder, wenn eine Kur ohne Erfolg geblieben war, tobte er, daß man ihn hier oben verdorren und verfaulen lasse, daß kein Mensch sich um ihn kümmere und er elendiglich verrecken müsse als ein Auswurf der Menschheit, so daß sein alter Diener nur recht schnell einen neuen Arzt herbeischaffte, dessen Hokuspokus den Grafen wieder ein wenig aufheitere und neue Hoffnungen in ihm erwecke. Dabei war der melancholische Ritter, Gott sei Dank, bei recht gutem Appetit und war mit der Zeit da oben dick und schwammig geworden, was er freilich als Wassersucht aufgefaßt wissen wollte. Zu jedem Essen ließ er sich nötigen und drängen, und jeden Schluck Weins nahm er mit scheinbarem Widerwillen und schimpfend, daß man ihn verfolge, dann aber umso ordentlicher, so daß seine Mahlzeiten für einen melancholischen Grafen eigentlich recht genügend waren.

Gerade vierzehn Tage nun, ehe die liebliche Schwester Clarissa mit ihrem Spiegel aus dem Kloster entwich, war ein großer, berühmter Medikus auf Schwarzenburg gewesen, ein frommer und grundgelehrter Mann, der nicht wie die anderen mit Latwergen und Kräutern sein Heil versuchte, sondern der dem Teufel in dem traurigen Heinrich mit ganz anderen und wirksameren Mitteln auf den Leib rückte. Er hatte erst versucht, den bösen Verfolger durch Weihrauch auszutreiben, wobei er in dem Turmstübchen einen Qualm gemacht hatte, daß ihm sein Patient fast erstickt wäre. Dann hatte er drei Tage und Nächte lang die wirksamsten Gebete um den gerade dastehenden Heinrich herumgesprochen und ihn so gleichsam mit einem Walle von Heiligkeit umgeben, in dem es der Teufel gewiß nicht aushalten konnte. Aber als auch dies nicht flecken wollte, war er nach einer reichlichen Mahlzeit, die er sich wohl verdient hatte, einen Tag lang, in tiefes Nachsinnen und Brüten versenkt, dagesessen, um über den schwierigen Fall recht ordentlich zu meditieren. Endlich nach vierundzwanzig Stunden, weil er wohl wieder einen ordentlichen Hunger empfand, war ihm plötzlich die große Lösung der Frage wie eine Erleuchtung aufgegangen, und er erhob sich und legte seine Ansicht klar auseinander: daß nur ein Mensch auf dieser Erde den armen melancholischen Grafen heilen könne, und dies sei der heilige Vater in Rom. Zu dem müsse er pilgern, aber nicht allein, denn das sei zu einfach und könne daher die heilende Wirkung nicht haben, sondern es müsse sich eine reine Jungfrau finden, die in ihrer jungfräulichen Keuschheit ihn an die Stufen des heiligen Stuhles geleite, als Symbolum gleichsam, daß er sein früheres unchristliches und geradezu heidnisches Leben abgetan habe und nun wert geworden sei, wieder der göttlichen Gnade teilhaftig zu werden: denn es war gerade damals die Zeit, wo man gerne Jungfrauen zur Heilung aller möglichen Leiden benützte. Da nun der Arzt ein viel gewanderter und sehr gelehrter Heilkünstler war, so unterließ er es nicht, darauf hinzuweisen, daß auch ein anderer Ritter Heinrich von seinem Gebreste durch eine Jungfrau sei geheilt worden, wobei er sich, während der Diener ihm das Essen zutrug, kauend und trinkend in eine philosophische Auseinandersetzung über den verwunderlichen und höchst bemerkenswerten Umstand einließ, daß beide Ritter Heinriche waren, was vielleicht ein Zeichen Gottes sei und auf eine immanente Leiderwähltheit so benannter Menschen hinweise. Dann war er mit großem Aufsehen aus dem Schlosse geschieden.

Nun war es aber nach dem Abgange des berühmten Arztes mit dem melancholischen Heinrich rein nicht mehr auszuhalten. Die anfänglichen Heilmethoden des Doktors hatten den träge gewordenen Grafen recht angestrengt und in Schweiß gebracht, und seine Kehle war beleidigt von dem abscheulichen Weihrauch, da er um keinen Preis das Fenster seines Zimmers hatte öffnen lassen, von den dreitägigen Gebetumkreisungen fühlte er eine Art von Drehkrankheit, wie sie manchmal Schafe überfällt, und sein Magen war ausgedörrt wie ein Lederbeutel. Eine Woche lang brüllte er nun durch den Turm wie ein gereizter Eber, und ganz Schwarzenburg, Schloß und Dorf, zitterte vor Angst und Besorgnis, daß dem armen gnädigen Herrn nur das Essen gut behagen und der Wein und das Bier gut munden möge. Und nach allen Richtungen waren Boten nach einer sicheren Jungfrau ausgeschickt worden, die das beschwerliche Martyrium auf sich nehmen wollte, mit dem unholden Ritter gen Rom zu pilgern; der selbstverständlich zu einer Behandlung, bei der ein Weibsbild mitwirken sollte, kein großes Vertrauen empfand.

III.