Als er einem Träger seinen Gepäckzettel in die Hand drückte und mit einem Kutscher über die Fahrt nach der Pension verhandelte, fühlte er eine Hand — sie gab ihm einen leichten, wohlwollenden Schlag auf die Schulter ...

„Na ... gottlob!“ sagte der Geheimrat.

Es erschien Emmich Hochhagen unbegreiflich, daß der Geheimrat gänzlich unverändert war: das kluge, bartlose Gesicht lächelte — freudig — weich — was ihm drollig stand — denn so ein Fünkchen Selbstironisierung war meist dabei, wenn er weich wurde ... Und das war er in diesem Augenblick. Sein zärtliches Vaterherz ahnte, daß das bräutliche Glück seiner Tochter schon aus den Fugen war — die schwermütige Unruhe ihrer Stimmung hatte sich seit dem Eintreffen von Emmichs kühler Depesche zu einer Nervosität gesteigert, wie sie die Eltern an ihrem Kind nicht für möglich gehalten hatten. Ihnen selbst war die Fassung der Depesche nicht ganz geheuer. Aber sie wollten das Vertrauen ihrer Tochter nicht erzwingen und gestanden es sich nur untereinander: zwischen Renate und Emmich war nicht alles in Ordnung, und vielleicht kam er gar nicht als Renatens Verlobter her, sondern nur in Erfüllung der Freundespflicht gegen den fernen Kameraden.

Aber er war da! Das war nun erst einmal die Hauptsache!

Der Geheimrat als erfahrener Mann hoffte immer ... Bloß die Jugend verzweifelt, pflegte er zu sagen.

So klopfte er denn nochmals wohlgefällig, wie um die Tatsache seiner Ankunft zu loben, Emmich auf die Schulter.

„Wie steht es?“ fragte der hastig.

„Nicht gut.“

„Ist noch Hoffnung? Du mußt es doch wissen!“

„Ach lieber Emmich — wie überschätzest du unser bißchen Weisheit! Die beiden tüchtigen Ärzte, der gutwillige, aber nicht ganz angenehme Doktor von hier und der Professor Lequint, den Herr von Gamberg aus Lausanne hat kommen lassen, die hoffen immer noch. Ich will dir was anvertrauen: es gehört das ein bißchen zum Metier ... Mut geben ... die Angehörigen instand halten ... sich selbst suggerieren: es kann noch werden — weil doch nun mal jeder Mensch lieber in Zuversicht als in Entmutigung handeln mag ... Vielleicht ist auch so ’ne Art Sportgefühl dabei: man will denn doch durchaus nicht den Tod Erster werden lassen ... Wenn er es sich aber mal vorgesetzt hat ... Na, genug. — — Bauen wir auf ein Wunder. Welche Redensart, wie du bemerkst, ein Sideroxylon, das heißt ein innerer Widerspruch, ist ...“