Niemals sprachen sie zusammen von dem Manne, der hier früher doch so gern gesehen worden war ... Und sie verstanden sich in diesem Schweigen.
War es nicht, als ob die junge Frau dem sorgenvollen alten Mann unablässig zeigen wollte: ängstige dich nicht um mich! Sie suchte heiter zu scheinen, und wenn sie ihr Kind herbeitrug, war es dem Greis voll Bedeutung. Sie hingen dem Kinde mit Leidenschaft an. Es war ihr Trost – es war die Zukunft.
Dennoch – die Wochen, die Monde lasteten. Kampf und große Stimmungen hätten den alten Mann zu frischem Lebenswillen wieder aufrufen können.
Er bewunderte den stillen Heldenmut, mit dem diese junge, geliebte Frau ihr Herz überwand.
Er bewunderte auch den Mann, der sich schweigend und beherrscht zurückgezogen hatte.
Aber das ohnmächtige Zusehen ließ ihn leiden.
Wenn er doch wenigstens die Doktorin Lamprecht einmal vor seinen Krankheitsthron hätte fordern dürfen. Das wollte er nicht, um kein Aufsehen dadurch zu machen. Aber diese alte Frau war ja wie von einem Magneten drüben festgehalten – war eine von den putzigen Weibern, die im Untergrund ihres Herzens Tod und Unglücksfälle als Fest genießen, weil es Abwechslungen sind, die ihnen Zunge und Glieder beweglich machen. Plagte sicherlich den Hauptmann mit Übermaß von Aufopferung und Geschwätzigkeit. Aber der natürlich war waffenlos dagegen – er wußte doch: sie meinte es redlich.
Und eine gewisse Frage brannte ihm im Herzen. Nur die Alte konnte sie beantworten.
Endlich reiste Likowski ab. Ohne sich vorher noch, wie der Geheimrat ihm anbieten ließ, mit dem Auto zum Besuch herüberholen zu lassen. Er schrieb herzliche Abschiedsworte. Zu grotesk komme er sich jetzt vor – er möge niemanden und am wenigsten seinem selbst an den Stuhl gefesselten hochverehrten Freund und Gönner was vorhumpeln. Er denke sich nun in Wiesbaden wieder einen festen, geraden Gang heranzubaden, werde danach seinen Urlaub noch mit kurzen Besuchen bei seinen Vettern beschließen, davon etliche in Frankfurt, Köln und Hannover an seiner Reiseroute garnisonierten, und hoffe, sich in der zweiten Novemberhälfte wieder vorstellen zu dürfen.
Hiernach konnte man alsbald den Besuch der von ihrem Pflegeramt befreiten Alten erwarten. Am nächsten Tag war sie da. Vorerst entlud sie bei Klara in sich überstürzendem Durcheinander ihre Bewunderung des Kindes und den Bericht über Likowskis Krankheitsgeschichte und Abreise. Dann ließ sie sich etwas ängstlich oben beim Geheimrat anmelden, denn in diesem Augenblick kam ihr die Reue, daß sie sich so viele Wochen gar nicht nach ihm umgesehen. Aber er war ja so großmütig, er würde verzeihen.