Langsam schritt das junge Mädchen die steile Stiege hinauf. Oben angekommen, lehnte sie einen Augenblick den Kopf an die Wand und schluchzte laut und schmerzlich. Es war zum erstenmal, daß sie in der Fremde Weihnacht feiern mußte... Ach, wie sie sich nach Hause sehnte, wo sie von allen geliebt worden! Hier fragte niemand nach ihr, niemand brauchte sie. Es war gleichgültig, ob sie da war oder nicht... Doch — sie mußte ja Hansi suchen gehen.

Ein, zwei Türen hatte Elise schon geöffnet und umsonst in dem Halbdunkel herumgespäht, da sah sie einen Lichtstrahl aus dem alten Rumpelkämmerchen fallen. Die Türe war nur angelehnt. Ganz leise schob sich Elise hinein, und da sah sie das verlorene Hänschen auf einer Kiste sitzen. Vor ihm stand das wundersam geschmückte Bäumchen und leuchtete mit seinen fünf Kerzen.

Wie arm und wehmütig sah das drein... Aber das Kind saß davor mit glückstrahlenden Augen und sang:

»O Jesulein süß!
O Jesulein mild!
Des Vaters Will'n
Hast du erfüllt,
Bist kommen aus dem Himmelreich,
Uns armen Menschen worden gleich.
O Jesulein süß!
O Jesulein mild!«

Die blonde Elise lehnte unter der Türe. In ihre guten Augen, die schon so mütterlich schauen konnten, traten heiße Tränen, die langsam über ihr Gesicht rollten. Sie achtete es nicht. Hier in dem kleinen Dachkämmerchen, als sie das Kind so einsam sitzen sah, war plötzlich eine große Freude in ihr aufgewacht... Der brauchte sie und ihre Liebe! Der war ja auch ganz allein. Es tat ihm gewiß not, daß ihn jemand mit großer, warmer Liebe umfasse. Ach, und sie war ja froh, wenn sie Liebe schenken durfte ...

»Hansi,« sagte Elise, »komm, Bubele, wir haben dich gesucht, weil man zur Bescherung geht. Du kannst jetzt nicht dableiben, aber dein schönes Bäumle zünden wir morgen wieder an, gelt?«