Barbara.

Der Friedhof liegt dicht neben dem Pfarrhausgarten, so daß der mächtige Birnbaum gleichermaßen die an der Mauer liegende Gräberreihe, wie auch die Gemüsebeete der Frau Pfarrer beschattet. Der Fliederstrauch, dessen Blütezeit alljährlich ein beglückendes Wunder der Schönheit ist, reckt sich mit seinen reichsten Ästen – ein wenig zum Kummer des Pfarrherrn – in den stillen Garten hinüber. Dafür klettert aber aus diesem breitblättriges Grün in die Höhe, und plötzlich tun sich über der Mauer die blaudunkeln Augen der Clematis auf.

Die Frau Pfarrer ist schon oft gefragt worden, ob ihr die Nachbarschaft des Friedhofs nicht unheimlich und drückend sei. Aber sie schüttelt den Kopf, und im Herzen denkt sie, daß es demjenigen, der so lange Jahre hindurch dicht neben dem stillen Garten gelebt, einmal leichter falle, sich in eines der schmalen Betten zur Ruhe zu legen. Sie geht, obwohl sich einige ihrer Gäste erstaunt, ja beinahe mißbilligend darüber äußern, fast allabendlich durch die kleine Pforte, die aus ihrem eigenen, mit lachendem Leben gefüllten Garten in den stillen hinüberführt. Wenn sie dann zurückkommt, ist ihr Antlitz vielleicht ein wenig blasser, aber die Augen haben einen hellen und gütigen Schein, und ihre Schritte sind ruhig und kraftvoll.

An einem Sommerabend, der ganz gesättigt war vom Glanz und Duft der heißern Stunden, ging die Pfarrfrau wieder durch die schmalen Wege, die zwischen den Gräbern laufen.

Sie war nicht allein. Eine jüngere Freundin, von der sie lange Jahre getrennt gewesen, ging an ihrer Seite und schaute mit großen, ein wenig verträumten Augen über die blumenbunten Gräber. Plötzlich blieb sie an einem mit Immergrün bedeckten Hügel stehen und las mit halblauter Stimme die Worte:

Hier müssen doch aufhören die Gottlosen mit Toben;
hier ruhen doch, die viel Mühe gehabt haben.

„Was ist das für ein Grab? Steht der Spruch wirklich in der Bibel, Anne?“

„Ja. Im Buch Hiob. Nur heißt es dort statt ‚hier‘ daselbst, und das ist auch der Grund, weshalb mein Mann keine Stellenangabe wünschte. Aber das war der alten Schäufele gleichgültig. Sie war schon zufrieden, daß der Spruch überhaupt bestehen durfte, und daß sie keinen Namen anzugeben brauchte. Sie erzählte mir, sie habe mit dem Maler einen schweren Stand gehabt, denn er wollte ihr durchaus den absonderlichen Spruch ausreden und zum wenigsten am Fuß des Kreuzes ‚Auf Wiedersehen‘ anbringen. Aber gerade dies Wort konnte ja die arme Mutter gar nicht aufrichtig denken.“

„Warum nicht, Anne? Wie ernst du dreinsiehst! Wer liegt hier begraben? Ich bin sicher, dies Grab hat eine Geschichte.“