Der Domplatz ist regelmäßig, groß und mit zwei Alleen geziert; er dient auch zu kleinen Militärübungen. Ueberhaupt fiel mir das viele Militär auf, das ich hier sah. Man mochte gehen wohin man wollte, stets begegnete man Soldaten und Officieren, ja wohl ganzen Truppenzügen. Es könnte in Kriegszeiten kaum ärger sein. Leicht sah man daraus, daß man sich bereits auf preußischem Boden befinde.

Sehr entstellt wird die Stadt durch die vielen offnen Canäle, welche aus allen Häusern kommen, und sich längs den Straßen fortziehen.

Nur zu bald ward es halb drei Uhr, und schnell begab ich mich auf das Dampfboot »Magdeburg« von 60 Pferdekraft, um weiter nach Hamburg zu kommen. – Von dieser Tour kann ich weiter nichts sagen, als, daß eine Fahrt auf einem Fluße, wo die Gegend so schrecklich langweilig ist, wie von hier nach Hamburg, zu den unangenehmsten Dingen gehört, die es geben kann. – Aber noch mehr steigt diese Unannehmlichkeit, wenn man schlechtes Wetter hat, das Schiff unrein gehalten wird, und man noch dazu eine Nacht daselbst zubringen muß. – Hier traf es mich so. – Das Wetter war schlecht und das Schiff unrein, die Entfernung betrug 23 Meilen, folglich hatten wir die frohe Aussicht auf eine herrliche Schiffsnachtruhe, und der Reisenden gab es so viele, daß Eines knapp am Andern sitzen mußte, – und so saßen wir in himmlischer Geduld, gafften einander an und seufzten tief. – Von Ordnung war keine Rede, – darnach zu sehen hatte Niemand Zeit; – den ganzen Tag und die ganze Nacht wurde recht wacker geraucht und Karten gespielt. Daß es dabei nicht so ruhig zuging, wie bei einer englischen Whist-Partie, kann man sich leicht denken. – Und die Kajüte auch nur auf Augenblicke zu verlassen, war vor beständigem Sturm und Regen gar nicht möglich. – Die einzige Entschädigung die ich hatte, war, daß ich hier den liebenswürdigen Compositeur Lorzing kennen lernte, eine Bekanntschaft, die mich um so mehr erfreute, da ich schon früher eine große Verehrerin seiner schönen, originellen Musik war.

18. April.

Endlich ward es Morgen, und bald erreichten wir die große Handelsstadt, die, durch den fürchterlichen Brand im Jahre 1842 halb eingeäschert, prächtiger und herrlicher als früher aus dem Schutte erstanden war. – Ich stieg hier bei meiner Base ab, die an den königl. würtembergischen Consul und Kaufmann Schmidt verheirathet ist, und verlebte da volle acht Tage in Freude und Vergnügen. Mein Vetter war so gütig mich selbst herum zu führen, und mir die Hauptmerkwürdigkeiten Hamburgs zu zeigen.

Vor Allem besuchten wir die Börse und zwar zwischen 1 und 2 Uhr, wo sie am belebtesten ist, und daher dem Fremden den richtigsten Begriff von der Größe und Wichtigkeit des hiesigen Handelsverkehres geben kann. – Das Gebäude enthält einen sehr großen Saal mit Arkaden und Gallerieen, und mehrere große Gemächer, die theils zu Besprechungen dienen, theils Erfrischungen spenden. – Das Interessanteste ist aber unstreitig, sich auf die Gallerie zu setzen, das Anschwellen der Menge, ihr Umhertreiben in dem ungeheuern Saale, in den Bogengängen und Gemächern zu beobachten, und das Summen und Lärmen der tausend untereinander schreienden Stimmen zu hören. Um halb 2 Uhr erreicht das Gedränge im Saale den Höhepunkt, und das Lärmen wird wahrhaft betäubend; – es wird nämlich der Cours angeschrieben, nach welchem Alle ihre Geschäfte ordnen.

Von der Börse wanderten wir nach dem großen Hafen, und durchkreuzten ihn auf einem Boote in allen Richtungen. Ich wollte hier nur die Dreimaster zählen, hörte aber bald auf, denn ihre Anzahl erdrückte mich ordentlich, dazu noch die Menge der prachtvollsten Dampfer, Briggen, Schaluppen und anderer Schiffe, – – kurz: ich sah nur und staunte, denn es lagen da wohlgezählte 900 Fahrzeuge.

Nun denke man sich eine Spazierfahrt zwischen 900 Schiffen und Schiffleins, die an beiden Ufern der Elbe in drei- und mehrfachen Reihen aufgestellt waren, das Hin- und Herkreuzen der zahllosen Boote, die die Fracht von den Schiffen holten oder dahin brachten das Lärmen und Jubeln der Matrosen, das Aufwinden der Anker, das Vorbeibrausen der Dampfer, – – und man wird ein Bild sehen, wie es nur die Weltstadt London noch großartiger bieten mag.

Die Ursache dieser ungewöhnlichen Belebtheit des Hafens war in der Strenge des Winters gelegen. Seit 70 Jahren hatte man keinen solchen Winter gesehen; Elbe und Ostsee lagen Monate lang in starrer Unthätigkeit gefangen und kein Schiff konnte die eisbedeckten Flächen durchziehen, keines Anker lichten oder Anker werfen. Erst kurz vor meiner Ankunft war die Bahn wieder frei geworden.

In der Nähe des Hafens liegen die meisten der sogenannten Höfe. Ich hatte so manches darüber gelesen, daß sie von Außen gewöhnlichen Häusern gleichen, im Innern aber ganze Quartiere mit Sackgäßchen bilden und der Aufenthalt unzähliger Familien sein sollen. – Ich besuchte daher mehrere solche Höfe und kann versichern, daß ich gar nichts Außerordentliches fand. – Häuser mit zwei langen Seitenflügeln die ein Sackgäßchen von 80-100 Schritten bilden, findet man in jeder größern Stadt, und daß so viele Familien in einem solchen Hause wohnen, ist auch nicht merkwürdig, wenn man weiß, daß sie Alle arm sind, und jede einzelne nur ein Zimmerchen besitzt.