Solch ein Bild des Aeußeren muß Aug und Herz erfreuen, denn es läßt auch auf Glück und Zufriedenheit im Innern schließen.
Von ländlichen Trachten die ich hier sah, gefiel mir nur jene der Vierländerinen. Sie tragen kurze, faltenreiche Röcke von schwarzem Zeuge, weiße, feine Hemden mit langen, weiten Aermeln und färbige Leibchen, die mit Seidenschnüren oder Silberspangen leicht zusammengehalten werden. – Gar komisch sehen ihre Strohhüte aus; – die Ränder sind viel höher als die Mitte, so daß der eigentliche Gupf des Hutes ganz eingesunken erscheint. – Viele hübsche junge Mädchen, der Art gekleidet, kommen als Blumenverkäuferinen nach Hamburg, und schlagen an der Börse ihren Hauptsitz auf.
Der 26. April, der festgesetzte Tag meiner Abreise rückte nur zu schnell heran. Doch Scheiden ist das beständige Loos des Reisenden; nur scheidet man manchmal leicht und manchmal schwer. Hier braucht es wohl keines Commentars, um zu sagen, wie mir in der Stunde der Trennung zu Muthe war; – es waren ja die letzten Verwandten, die letzten Freunde, von denen ich schied. – Nun ging es hinaus in die weite Welt, unter lauter – Fremde.
Um acht Uhr Morgens also fuhr ich von Altona auf der Eisenbahn nach Kiel. – Auf dieser Bahn sah ich mit Vergnügen, daß sogar die dritte Classe herrlich gedeckte mit Glasfenstern versehene Wagen hatte, die sich von denen der ersten und zweiten Classe im Aeußern nur durch die Farbe, und im Innern durch die nicht gepolsterten Bänke unterschieden.
Wir legten die ganze Strecke von 15 Meilen in drei Stunden zurück, – eine schnelle, aber auch nur durch die Schnelligkeit angenehme Fahrt, denn die ganze Gegend bot nichts als ungeheure Ebenen, Torf- und Moorgründe, sandige Stellen und Haiden und nur gar wenig Wiesen- oder Ackerland. Das Wasser in den Gräben und auf den Feldern sah, in Folge des dunkeln Grundes, so schwarz aus, wie Tinte.
Bei Binneburg bemerkt man einige verkrüppelte Waldpartieen. Von Elmsholm geht eine Seitenbahn nach Glücksstadt, und von Neumünster, einem großen Orte mit bedeutenden Tuchfabriken, eine nach Rendsburg. – Nun sieht man aber auch nichts mehr als ein Kloster, in welchem mehrere Herzoge von Holstein begraben liegen, und mehrere unbedeutende Seen, als den Bernsholmer, den Einfelder und den Schulhofer. – Das Flüßchen Eider würde mir gar nicht aufgefallen sein, hätten nicht einige der Reisenden großes Aufheben davon gemacht. – In den herrlichsten Ländern fand ich die Eingebornen lange nicht so entzückt über wirklich Schönes und Großartiges, als sie es hier über ein Nichts waren. – Ja, eine recht artige Frau, meine Reisenachbarin, konnte in Lobpreisung ihres so wunderschönen Vaterlandes gar nicht ermüden. Der verkrüppelte Wald schien ihr ein herrlicher Park, die öde Fläche ein unermeßlicher Spielraum für das Auge, – jede Kleinigkeit wußte sie groß zu deuten. – Ich wünschte ihr zu dieser reichen Fantasie im Stillen Glück, konnte aber leider meinem kalten Gemüthe nichts davon einhauchen.
Gegen Kiel zu gestaltet sich die Ebene zu einem niedrigen Hügellande. – Kiel selbst liegt recht artig an der Ostsee, die von hier gesehen, einem mittelgroßen See gleicht. Der Hafen soll gut sein, doch lagen nur wenige Schiffe davor, darunter das Dampfboot, das mich weiter nach Kopenhagen bringen sollte, und von dem ich mir nicht dachte, daß es mir so unvergeßlich bleiben würde.
Durch die liebevolle Fürsorge meines Vetters Schmidt empfing mich bereits an der Eisenbahn Einer seiner Verwandten, Herr Brauer, welcher mich gleich in den Kreis seiner Familie einführte, und mir die paar Stunden meines Aufenthalts recht angenehm vergehen machte.
Kiel hat ein hübsches königliches Schloß, das gegenwärtig von der jüngern Tochter des letzt verstorbenen Königs bewohnt wird. Der daran stoßende öffentliche Park ist mehr durch seine Lage an der See, als durch sonst etwas ausgezeichnet. – Die Umgebung besteht aus Hügelketten, auf und an welchen die Landhäuser und Gärten der Städter liegen. Eine der schönsten Villa's gehört Herrn Brauer. Die höchsten Punkte sind mit Kiosken oder Lauben geziert, von welchen aus man eine schöne Fernsicht über die nicht sehr breite See bis an's jenseitige Ufer genießt. – Seit ich Dresdens Umgebung Lebewohl gesagt hatte, war dieß die lieblichste Landschaft, die mir bis jetzt zu Gesichte gekommen war.
Kiel gehört eben nicht zu den größeren Städten Dänemarks, sieht aber nett und freundlich aus. Viele der Häuser sind nicht mit Kalk und Sand beworfen, was ihnen das Ansehen gibt, als wären sie noch nicht fertig gebaut; die Dachungen bestehen aus Ziegeln, die oft noch mit einer Art Firniß überzogen sind, der ihnen nebst einem schönen Glanz auch eine größere Dauerhaftigkeit verleiht. – Auch hier bemerkte ich hin und wieder jene theuern Hamburger Spiegelgläser; es scheint, daß sich dieser Luxus sehr weit verbreitet.