Unweit des Domes steht der ungemein fensterreiche Pallast des Grafen Czernin, er zählt nicht mehr und nicht weniger Fenster, als das Jahr Tage. Ich war in einem gewöhnlichen Jahre da, folglich sah ich 365; – wie es sich in einem Schaltjahre verhält, weiß ich nicht. – Die Aussicht auf dem Belvedere dieses Pallastes ist sehr lohnend. Man übersieht die Alt- und Neustadt, den schönen Strom mit seinen beiden Brücken (der antiken, ehrwürdigen Steinbrücke und der zierlich hängenden 600 Schritt langen Kettenbrücke) und die Hügel rings umher, besä't mit Gärten und niedlichen Landhäusern.

Die Gassen der Kleinseite sind nicht besonders schön, meist enge, krumm und hügelich; doch findet man auch hier manch merkwürdigen Pallast, worunter wohl jener des Wallenstein-Friedland den ersten Platz behaupten mag.

Nachdem ich noch die St. Nicolaus-Kirche, die sich durch die Höhe ihres Schiffes und die schön gewölbte Kuppel auszeichnet, besucht hatte, ging ich auf die Wimmerischen Anlagen, und auf die Bastei, die gewöhnlichen Versammlungsorte des Prager Publikums.

Von da aus sah ich die Verheerungen, die das Wasser kurz vor meiner Ankunft hier angerichtet hatte. – Die Moldau hatte ihre Ufer so ungestüm überstiegen, daß sie manch' Häuschen, ja unweit Prag ein ganzes Dörfchen in ihren Fluthen begraben und alle Häuser, die an ihren Ufern standen, mehr oder minder beschädiget hatte. Das Wasser war zwar schon gefallen, doch waren die Mauern der Häuser durch und durch naß, die Thüren fehlten, und aus den zerbrochenen Fenstern blickte Niemand nach den Vorübergehenden. Die Höhe des Wasserstandes betrug um zwei Schuh mehr als im Jahre 1784, wo die Moldau auch eine ungewöhnliche Höhe erreichte.

Von demselben Standpunkte aus übersah ich den großen, erst kürzlich angekauften Platz, welchen bald die Bahnhöfe der Wiener- und Dresdner-Eisenbahnen zieren werden. – Obwohl viele darauf stehende Häuser erst niedergerissen wurden, und von wenigen Bauten die Grundlagen angefangen waren, versicherte man mich doch, daß Alles binnen sechs Monaten beendet sein würde.

Noch muß ich einer Sache erwähnen, die mir auf meinen Morgenwanderungen auffiel, nämlich die seltsame Art und Weise, auf welche hier Milch, Gemüse und andere Lebensmittel zur Stadt gebracht werden. Ich glaubte mich nach Lapp- oder Grönland versetzt, als ich überall Karren begegnete, mit zwei drei bis vier Hunden bespannt; ein Paar derselben zieht in der Ebene drei Centner. Geht die Fahrt über einen Hügel, so hilft der Kutscher mit; außerdem sind sie sorgsame Wächter, und ich würde Niemanden rathen, einem solchen Karren nahe zu kommen, wenn er vor der Schänke steht, in welcher der Eigenthümer das so eben eingenommene Geld verzecht.


Prag verließ ich am 15. Morgens 5 Uhr und fuhr mit dem Postwagen drei Meilen, bis Obristwy an der Elbe wo ich mich auf dem Dampfboote »Bohemia,« von 50 Pferdekraft, einem elenden alten Schiffe, dem Luxus und Pracht schon in der Jugend fremd waren, nach Dresden (22. M.) einschiffte. – Der Preis für diese kurze Fahrt von 8 bis 9 Stunden ist entsetzlich theuer; doch werden die übertrieben fordernden Unternehmer bald an den Reisenden durch eine Eisenbahn gerächt, auf der man diese Strecke mit viel weniger Zeit- und Geldaufwand wird zurücklegen können.

Aber anziehender ist jedenfalls die Fahrt auf dem Strome, da man theilweise an wunderschönen Partien, und endlich an jenen der sächsischen Schweiz vorüberschifft. – Anfänglich ist die Fahrt freilich nichts weniger als schön, rechts sieht man kahle Hügel und links große Ebenen, über die sich in diesem Frühjahre der Strom noch fessellos ergoß, die Bäume bis zu ihren Kronen, die Hütten bis zu ihren Dächern bedeckend. Hier übersah ich die Zerstörungen erst recht; viele Häuser waren durch die Gewalt der Fluthen gänzlich niedergerissen, die Saaten sammt dem Erdreiche weggeschwemmt, – – eine schauerliche Scene verschwand, um einer noch schauerlicheren Platz zu machen.

So ging es fort bis Melnick; da wurden die Hügel höher und zwischen den zahllosen Weingärten standen Gruppen von Häusern. Dem Städtchen gegenüber strömt die Moldau in die Elbe. – Links in weiter Ferne erblickt man den berühmten St. Georgsberg, von dem die Sage erzählt, daß von ihm aus, Czech Besitz von ganz Böhmen nahm.