Ich miethete also ein Pferd und fuhr zu dem Falle, der ungefähr eine kleine Meile von Kongsberg entfernt in einem engen Waldthale liegt. – Der Strom bildet eine kleine Strecke vor dem Falle ein stilles ruhiges Wasserbecken, und stürzt dann mit jähem Falle dem Abgrunde zu. Sowohl die bedeutende Tiefe des Falles, als auch die Fülle des Wassers bilden einen wahrhaft imposanten Anblick. Dieser wird noch gesteigert durch einen ungeheuren Felskoloß, der gleich einer Wand im untern Becken aufgepflanzt ist, und sich dem eilig dahin brausenden Elemente entgegen stemmt. An ihm prallt der größte Theil des Wassers zurück, erhebt sich dann in mächtigen Massen, und stürzt hinüber, auf seinem ferneren Laufe noch einige kleine Fälle bildend.

Ich stand auf einem hohen Fels, ward aber doch von dem Staubregen erreicht, und oft derart überschüttet, daß ich kaum die Augen öffnen konnte. Der Führer leitete mich dann hinab in die Tiefe, um auch von da den Fall, und zwar von verschiedenen Seiten betrachten zu können; – überall erschien er anders und herrlicher. Ich sah auch hier an den Wasserstrahlen, die sich an dem Felsen brachen, und von der Sonne erleuchtet waren, jene gelbe, durchsichtige Farbe, die mir bereits an dem Falle bei Kongsberg aufgefallen war. Meines Erachtens rührt sie, nebst der Beleuchtung, von den Felsen her, die in der ganzen Gegend häufig als braun-röthliches Gestein vorkommen, denn das Wasser selbst war klar und rein.

Um 4 Uhr Nachmittag verließ ich Kongsberg, und fuhr nach dem vier Meilen entfernten Oertchen Bolkesoe. Die Fahrt gehörte eben nicht zu den schönen oder angenehmen. Der Weg war meistentheils sehr schlecht, und führte fortwährend durch Schluchten und Thäler, durch Waldungen und über steile Berge, und dazu überraschte uns eine finstere, mondlose Nacht. – Oft kam mir der Gedanke wie leicht es meinem Führer, der knapp hinter mir auf dem Wagen saß, wäre, mich durch einen sanften Schlag aus der Welt zu expediren, um sich dann meiner Habseligkeiten zu bemächtigen. Doch ich vertraute dem biedern Charakter der Norweger, fuhr ruhig meines Weges, und schenkte meine ganze Aufmerksamkeit der Lenkung meines Rößleins, das ich über Berg und Thal, über Löcher und Steine und neben Abgründen mit sicherer Hand leiten mußte. Ich hörte keinen andern Laut, als das Brausen eines Waldstromes, der oft knapp an unserer Seite über Felsen dahin stürmte, und oft wieder in weiter Ferne zu verrauschen schien.

Erst gegen 10 Uhr Nachts erreichten wir das Oertchen Bolkesoe. – Eine kleine Angst befiel mich, als wir an einem unansehnlichen Bauernhause anhielten; – die isländischen Nachtlager waren mir noch ganz frisch im Andenken, und ich dachte es hier nicht viel besser zu finden. – Wie angenehm war ich daher überrascht, als mich die Bäuerin über eine bequeme Treppe in ein großes, nettes Zimmer führte, das nebst einigen guten Betten auch mit Bänken, einem Tische, Kasten, und sogar mit einem eisernen Ofen versehen war. – Eben so fand ich es auch auf den ferneren Stationen.

In Norwegen gibt es auf den weniger befahrenen Straßen eigentlich keine Gast- und Posthäuser. Beide Geschäfte werden von den wohlhabenderen Bauern versehen. Es ist jedoch jedem Reisenden zu rathen, Brot und andere Lebensartikel selbst mitzuführen, indem er von diesen »Bauern-Wirthen« selten etwas bekömmt. – Ihre Kühe haben sie während des Sommers stets auf den Höhen der Gebirge, oder auf den Alpen, – Hühner sind für sie ein zu großer Luxus-Artikel, und das Brot, das sie backen, ist kaum zu genießen. Es besteht aus großen runden Kuchen, die höchstens einen halben Zoll dick und sehr hart sind, oder aus eben so großen Kuchen, die kaum Messerrücken dick, und ganz ausgetrocknet sind. – Das Einzige, was ich manchmal fand, waren Fische und Kartoffeln, und hatte ich Zeit einige Stunden irgendwo zu bleiben, so brachte man mir auch gute Milch von der Alpe herab.

Noch schlechter steht es mit der Weiterbeförderung; doch werde ich dieß Kapitel erst später berühren, wenn ich noch größere Erfahrungen gemacht haben werde.

26. August.

Erst heute bei Tage konnte ich die Lage des Oertchens Bolkesoe besehen; gestern war sie mir durch das Dunkel der Nacht verborgen. Es liegt in einem niedlichen Waldthale, auf einem kleinen Hügel, zu dessen Füssen sich ein artiger See gleichen Namens ausbreitet.

Von hier bis Tindosoe, 3½ Meile ist der Weg nicht mehr fahrbar, man muß seine Zuflucht zum reiten nehmen; ich ließ also mein Carriol zurück und stieg zu Pferde. – Die Gegend wird nun immer unbewohnter und stiller, und die Thäler werden zu förmlichen Schluchten. Um so überraschender ist der Anblick zweier Seen, die in ziemlicher Ausdehnung zwischen den Bergen liegen. Der größere davon, der Foelsoe, hat eine ziemlich regelmäßige Form, mag eine halbe Meile im Durchmesser haben, und ist von schönen Gebirgen kreisförmig umgeben. Besondern Effect machen die düstern Schatten, die die nadelbewachsenen Spitzen der Berge auf seine spiegelglatte Fläche werfen. Ich ritt über eine Stunde an seinen Ufern, und hatte überhaupt während dieser ganzen Partie Zeit genug, Alles genau zu besehen und zu betrachten, denn das Reiten geht hier zu Lande höchst langsam von statten. Der Begleiter hat kein Pferd, und geht nebenher zu Fuß, und zwar meist auf etwas schläfrige Weise; das Pferd kennt durch mehrjährige Erfahrung die Eigenschaft seines Herrn, und ist nur zu bereitwillig, ihn dabei durch einen ebenfalls langsamen, schwerfälligen Gang zu unterstützen. – Ich ritt über 5 Stunden bis nach dem Oertchen Tindosoe. – Von hier muß man, um nach dem berühmten Wasserfalle des Rykanfoß – meinem dießmaligen Ziele – zu gelangen, über einen großen See schiffen. – Obwohl der Regen bereits seit der letzten Meile mein unzertrennlicher Begleiter gewesen war, und der Himmel von allen Seiten höchst melancholisch auf mich herab blickte, miethete ich doch augenblicklich ein Boot mit zwei Ruderern, um meine Reise alsogleich fortzusetzen. Ich befürchtete nämlich einen Sturm, und würde dann keinen Schiffer gefunden haben, der es gewagt hätte, die 4 oder 5 Stunden lange Fahrt auf diesem gefährlichen See zu unternehmen. – Nach zwei Stunden war schon Alles in Ordnung, und unter heftigem Regen fuhr ich ab. – Ich mußte mich noch glücklich schätzen, doch wenigstens keine starken Nebel zu Begleitern zu haben, denn dadurch wären mir die großen Schönheiten der mich umgebenden Natur verborgen geblieben. – Der See ist bei 4 Meilen lang, jedoch nur an manchen Stellen eine halbe Meile breit. Er ist von allen Seiten von Bergen umgeben, die zum Theil sich terassenförmig erheben, und auch nicht den kleinsten Ausschnitt zu einer Fernsicht bilden. In Folge dieser Gebirge, die größtentheils mit finstern Tannenwaldungen bedeckt sind und vermöge der nicht sehr bedeutenden Breite des See's ihn ganz überschatten, sieht sein Wasser vollkommen dunkel, ja beinahe schwarz aus. – Dieser See ist sehr gefährlich zu befahren wegen der vielen Felswände, die senkrecht aus dem Wasser steigen. Ueberfiele den Fahrenden in ihrer Nähe ein Sturm, so würde sein Boot an ihnen zerschmettert, und er in der Tiefe des See's sein Grab finden. – Wir hatten zwar auch ziemlichen Wind, er war uns aber günstig, und trieb uns rasch unserm Ziele zu. – An einer dieser Felswände bildet sich ein starkes Echo.

Dieser See hat eine Insel, an der man gleich nach der ersten Meile vorüber kömmt; sie ist höchstens eine viertel Meile lang, und scheidet ihn in zwei ganz gleiche Theile. – Nunmehr gestalten sich die Gebirge ganz eigenthümlich. Ein Berg scheint dem andern vortreten zu wollen, und schiebt seinen Fuß tiefer in den See hinein; es bilden sich dadurch viele liebliche kleine Buchten, deren Mehrzahl aber weder zum Landen noch zum Einfahren geeignet ist, da überall gefährliche Klippen und Felsen aus dem Wasser hervorragen.