Zwei offene Briefe

an
Dr. J. Spaeth,
Professor der Geburtshilfe an der k. k. Josefs-Akademie
in Wien,
und an
Hofrath Dr. F. W. Scanzoni,
Professor der Geburtshilfe
zu Würzburg,
von
Dr. J. Ph. Semmelweis,
Professor der Geburtshilfe an der königl. ungar. Universität zu Pest.


Pest.
Gustav Emich, Buchdrucker der ungar. Akademie.
1861.

An
Dr. J. Spaeth,
Professor der Geburtshilfe an der k. k. Josefs-Akademie in Wien.

Ich habe in meiner Schrift über Kindbettfieber[1] bewiesen, daß auch in Berlin, so wie anderorts der geburtshilfliche Unterricht in Betreff des Kindbettfiebers deshalb grundschlecht sei, weil auch in Berlin die Professoren der Geburtshilfe selbst, so wie die Professoren der Geburtshilfe anderorts nicht wissen, was Puerperal-Fieber sei.

Dieses Nichtwissen habe ich in Bezug auf Prof. Eduard Martin in Berlin folgender Weise stylisirt[2].

»Busch's Nachfolger, Prof. Eduard Martin[3] hat mir durch seinen Vortrag, gehalten am 9. November 1858 in der Gesellschaft für Geburtshilfe in Berlin: »Ueber Mutterröhrenentzündung und Erguß des eitrigen Secretes in die Bauchhöhle als eine Ursache der Bauchfellentzündung bei Wöchnerinen« die Ueberzeugung verschafft, daß die puerperale Sonne, welche in Wien im Jahre 1847 aufgegangen, seinen Geist noch nicht erleuchtet hat.«

Gewiß hätte die puerperale Sonne, welche in Wien im Jahre 1847 aufgegangen ist, seinen Geist erleuchtet, so würde Prof. Martin wissen, daß das Puerperal-Fieber in allen Fällen, keinen einzigen Fall ausgenommen, ein Resorbtions-Fieber sei, daß dieses Resorbtions-Fieber dadurch entstehe, daß ein zersetzter thierisch-organischer Stoff resorbirt wird.

Der resorbirte zersetzte thierisch-organische Stoff entmischt das Blut, in seltenen Fällen tödtet die Krankheit schon in diesem Stadium, gewöhnlich entstehen aber aus dem entmischten Blute mehr weniger zahlreiche Exsudationen. Sämmtliche Exsudationen haben daher ihre gemeinschaftliche Entstehungs-Ursache in dem durch den resorbirten zersetzten thierisch-organischen Stoff entmischten Blute. Die Exsudationen bedingen sich daher nicht gegenseitig.