5. Deinen Kopf halte stets gerade, nicht steif noch weniger drehe ihn wie eine Wetterfahne. Nie benütze den Kopf zum Bejahen oder Verneinen oder Geberden des Widerwillens etc. damit zu machen. In der Gesellschaft ist es unhöflich, irgend einen Körpertheil mit den Händen zu berühren; den Kopf in die Hand zu lehnen oder sich gar daran zu kratzen, mit den Händen in den Haaren herumzufahren, wäre unanständig. Die Haare halte besonders rein, wohl gekämmt, mit Pommade ja nicht überladen.

6. Dein Gesicht sei heiter, weder immer lachend wie ein Thor, noch streng und affectirt. Es wäre beleidigend, mit Leuten, die in tiefem Ernst und Trauer sind, einen überlustigen Ton anzustimmen oder mit kalter und gleichgültiger Miene Jemandem eine üble Nachricht zu hinterbringen, so wie es anderseits unanständig wäre, in fröhlicher Gesellschaft ein ernstes, nachdenkliches Gesicht zur Schau zu tragen. Bei angesehenen Leuten zeige das Gesicht Achtung, aber nicht jene große Schüchternheit, die ein linkisches, albernes Aussehen gibt; für seine Freunde habe man stets ein fröhliches Gesicht, und gegen Dienstboten sei man nicht zu vertraulich, da dieß leicht mißbraucht wird.

7. Die Stirne runzeln gibt ein hochmüthiges Ansehen, die Schultern zucken ist eine unanständige Bewegung, die Zunge zeigt kein höflicher Mensch, mit den Fingern in die Ohren greifen ist in Gesellschaft nicht erlaubt.

8. Die Augen sind der Spiegel der Seele; darum sei Dein Blick stets heiter, sanft, offen und bescheiden. Mit Jemandem sprechen ohne ihn anzusehen, ist sehr unhöflich; auch wenn Jemand mit Dir spricht, blicke ihn an. Aber Jemanden steif anstarren, ihm nachblicken, ihn über die Schulter ansehen, ein Auge zudrücken oder gar mit dem Finger auf Jemanden deuten, wäre eine große Ungezogenheit. Lasse Deine Augen nicht frech umherschweifen, aber eben so wenig halte sie stets zur Erde gesenkt, als habest Du ein böses Gewissen und wagtest nicht, den Leuten offen in’s Gesicht zu sehen.

9. Jede freiwillige Bewegung der Nase ist eine Unhöflichkeit. Mit den Fingern darin zu grübeln, ist eine Unreinlichkeit und für Alle, die es sehen, unausstehlich, auch schädlich. Allerdings muß man die Nase putzen, so oft es nöthig ist, allein dabei alle mögliche Vorsicht anwenden, um diese an sich unangenehme Handlung in Gesellschaft nicht Ekel erregend zu machen. Also: habe immer ein reinliches Taschentuch, falte es nicht mit lächerlicher Wichtigkeit weit auseinander, mache kein großes Geräusch mit der Nase, blicke nicht in Dein Taschentuch, behalte es nicht in der Hand und lege es noch weniger umher. Auch beim Nießen mache so wenig Geräusch als möglich. Dem Nießenden sein Compliment zu machen, „Gesundheit” zu wünschen, ist nicht mehr Sitte.

10. Mund und Zähne halte besonders rein, um den übeln Athem zu vermeiden. Fülle beim Essen den Mund nicht an, daß Du kaum zu athmen vermagst. Stochere nie mit Nadeln, Messern oder Gabeln in den Zähnen. Beiße nicht auf die Lippen, nage nicht an den Nägeln. Vermeide sorgfältig beim Sprechen, die Personen mit Deinem Athem zu berühren oder gar mit Speichel zu bespritzen. Sprich nicht so leise, daß man angestrengt horchen müßte, Dich zu verstehen, allein lächerlich, anmaßend und unanständig ist es, mit schreiender Stimme überlaut zu sprechen oder beim Sprechen mit den Händen etc. zu gesticuliren. Alles Affectirte ist besonders im Sprechen widerlich und gerade im schönen, reinen und richtigen Sprechen muß sich die genossene Bildung und gute Erziehung am ersten zeigen. In Gesellschaft gähnen ist sehr unanständig; mußt Du es durchaus, so geschehe es so unbemerkt als möglich mit vorgehaltener Hand oder verlasse das Zimmer. Beim Husten wende Dich ab und bedecke den Mund mit der Hand oder mit dem Taschentuch, bei Tische mit der Serviette. Spucken mußt Du nur in Dein Taschentuch, nie zum Fenster hinaus, nie auf den Boden (ausgenommen auf der Straße). Es ist ungezogen in Kaufmannsläden, in Gegenwart Anderer, so wie in Gesellschaft, besonders von Damen, zu pfeifen.

11. Die Hände wasche sorgfältig nicht blos am Morgen, sondern auch während des Tages mehrmals, mit Seife, vor und nach Tische, immer wenn Du irgend etwas nicht ganz Reines berührt hast. Mit schmutzigen oder mit Dinte befleckten Händen in Gesellschaft oder gar bei Tische zu erscheinen, ist unhöflich. Es verräth großen Mangel an Lebensart, alles Neue oder was uns auffällt, in die Hände zu nehmen. Die Hand reichen darf man nur Personen, mit denen man sehr genau bekannt oder befreundet ist. Freunden reicht man aber nur die bloße Hand, nachdem man die Handschuhe abgezogen hat. Angesehenen Personen reicht man die Hand nicht. Die Finger knacken lassen, sich die Nägel in Gegenwart Anderer schneiden, das thut kein wohlerzogener Mensch.

12. Die Haltung des ganzen Körpers ist von hoher Wichtigkeit. Eine schlechte Haltung ist fast immer das Zeichen einer mangelhaften Erziehung oder großer Nachlässigkeit, und verletzt die Höflichkeit und den Anstand, so daß junge Leute nicht frühe genug darauf bedacht sein können, sich eine gute und anständige Haltung anzugewöhnen. Eine solche Haltung muß bescheiden und zurückhaltend und doch leicht und natürlich sein. Die Nachlässigkeit und das Sichgehenlassen deutet auf Trägheit und Leichtsinn, auf gemeine Gesinnung und Unkenntniß des Schicklichen, während steife und affectirte Haltung junge Leute lächerlich macht, und sie dumm oder hochmüthig erscheinen läßt. Vorzüglich zu empfehlen ist das Turnen, welches sehr viel zu einer guten Haltung beiträgt.

a) Im Stehen halte Dich gerade, den Kopf weder gebeugt noch aufgeworfen, den Rücken nicht gewölbt. Lehne Dich nie nachlässig an die Wand, an ein Möbel oder gar an den Stuhl, worauf Jemand sitzt; die Arme hängen leicht herunter und die Füße seien bei der Ruhe und bei der Bewegung immer auswärts, d. h. an den Fersen näher beisammen, an den Fußspitzen weiter auseinander.

b) Im Gehen schlenkre nicht stark mit den Armen, wiege den Körper nicht rechts und links, schweife nicht mit den Augen nach allen Seiten, gehe nicht zu schnell, noch weniger allzu langsam.