Fazenda de Saõ Francisco, den 27. Mai 1881.
Meine liebe Grete!
Fazenda bedeutet Pflanzung. Es thut mir leid, daß es nicht Hacienda heißt, da Ihr das wahrscheinlich bis jetzt geglaubt habt, und ich Euch also gleich beim ersten Worte meines ersten Briefes enttäuschen muß. Ihr könnt Euch aber mit mir trösten, es ging mir ebenso, und es war doch so hübsch, als wir noch so unschuldig Spanisch und Portugiesisch verwechselten. So geht eine Illusion nach der andern verloren!
Daß diese Fazenda Saõ Francisco heißt, ist durchaus nicht wunderbar; im Gegenteil, es wäre merkwürdig, wenn sie anders hieße; einundzwanzig Ortschaften in Brasilien heißen Saõ Francisco, und der Pflanzungen, die dieser beliebte Heilige unter den Schutz seines Namens nehmen muß, sind Legion.
Eine zweite Enttäuschung wird Dir sein, daß ich Euch über meine Reise von Rio de Janeiro bis hierher nicht einmal von einem Indianerüberfall oder einem Tigerkampf berichten kann — als Geringstes hättet Ihr doch eine Riesenschlange verlangen können — und ich sehe vollständig ein, wie sehr es mich von vornherein andern Tropenreisenden gegenüber in Euer Aller Augen herabsetzen muß, daß ich ohne weiteren Unfall hier angekommen bin.
Doch dem ist so.
An der Eisenbahnstation holte mich Dr. Rameiro[1] selbst ab, und, denke Dir, Grete, in einer ganz bequemen europäischen Halbchaise! Selten hat mich wohl eine Halbchaise so geärgert wie diese! Wenn ihr doch wenigstens unterwegs ein Rad gebrochen wäre, oder der Negerkutscher versucht hätte, uns in irgend einen Abgrund zu fahren, etwa aus Rache für erlittene Züchtigung, denn der war doch wenigstens ein richtiger Sklave! Aber ich muß beschämt wiederum eingestehen, daß er recht gutmütig über seiner platten Nase dreinschaute und wahrscheinlich garnicht an einen Abgrund dachte. Nun, hoffen wir, daß das Geschick ein Einsehen hat und mich noch in eine recht gefährliche Situation geraten läßt.... aber so, daß ich sie Dir nachher noch beschreiben kann.
Also Dr. Rameiro holte mich ab. Er wird „Doktor“ genannt. Warum, weiß ich nicht, und ich bezweifle, ob er selbst oder die, welche ihn so anreden, irgend eine befriedigende Auskunft darüber geben könnten außer der, daß jeder besser situierte Brasilianer ein natürliches Anrecht auf diesen Titel mit auf die Welt bringt, und es also einesteils unbescheiden, andernteils blödsinnig erscheinen müßte, wollte jemand von ihm verlangen, daß er sich denselben durch ein höchst überflüssiges Studium erst verdiente.