Madame Rameiro liegt auch manchmal in der Hängematte, (diese spielen vollkommen die Rolle eines Möbels und sind in den Zimmern mit starken Haken an zwei passend zu einander gelegenen Thüren befestigt) aber sie ist eine etwas lebhafte Dame, sie hält es nie lange darin aus, und wenn ihre Energie erwacht, etwa ob einer schlechten Naht einer Derer mit den Bambuskörben, so höre ich sie im Schulzimmer (was hörte ich da nicht!) die Negerinnen anfeuern durch Wörter, die merkwürdigerweise eine auffallende Ähnlichkeit haben mit recht kräftigen heimischen Schimpfwörtern. Ich werde aber morgen im Lexikon nach der friedlichen Bedeutung von „diabolo“ oder „canailla“ suchen, um die gute Frau vor meinen eignen Augen zu rechtfertigen, was dem Lexikon jedenfalls glänzend gelingen wird.
Von den Orangen und Bananen später. Jetzt nur noch ein Wort über die Papageien. Was Du auch thust, liebste Grete, bringe sie nie wieder in einer Idylle an, oder wenn Du es thust, begnüge dich mit einem und laß den taubstumm sein! In dem Zimmer mit den musikalischen Bambuskörben hängen ihrer sechs an den Wänden umher auf kleinen ½ Fuß breiten Ständern aus Blech, die wie Konsölchen aussehen. Des Morgens um vier beginnen sie auf’s Energischste ihren Kaffee zu verlangen und hören damit nicht eher auf als bis sie ihren Zweck erreicht haben, frühestens und unter günstigen Verhältnissen nach anderthalb Stunden; und dann plappern, schreien, quieken, kreischen und keifen sie den ganzen Tag lang mit einer Unermüdlichkeit, die beschämend sein würde, wenn sie Einen nicht, im Verein mit eilf andern Vögeln, den Nähmaschinen und den Bambuskörben gradezu rasend machte! Sie sind bis jetzt meine intimsten Feinde. In den ersten Tagen nährte ich eine unbestimmte Hoffnung, daß sie bald sterben könnten, seitdem mir jedoch vorgestern Molières hundertjähriger Papagei eingefallen ist, betrachte ich sie nur zu oft wie Mr. Pickwick das widerspänstige Pferd, d. h. ich überschlage im Geiste die möglichen Folgen davon, wenn ich sie alle sechs umbrächte. Natürlich höre ich auch sie im Schulzimmer.
Man hört überhaupt in diesem idyllischen Hause überall alles, denn Thüren und Fenster stehen samt und sonders fortwährend offen, und kein Teppich, keine Gardine, kein Polstermöbel dämpft auch nur irgendwie einen Schall, der Lust hat, sich fortzupflanzen. Ach liebe Grete, diese Reitsäle von Zimmern, dieses grelle Licht, diese Korbgeflechtsophas und Wiener Stühle sind so entsetzlich unromantisch, so garnicht idyllisch!
Und nun gar das dolce far niente! Laß mich schweigen. Wir waren erstaunlich „jung“, als wir uns überzeugten, daß das hier meine Hauptbeschäftigung sein würde! Mit weiterem will ich heute Dein mitfühlendes Freundesherz nicht zerreißen. Ich werde es Dir so nach und nach beibringen.
Für heute leb’ wohl: der Thee ist serviert, denn „eins, zwei, drei“ — nämlich Purzelbäume des Mulattenjungen. Drei braucht er vom Eßzimmer bis hierher, und natürlich höre ich sie. Richtig, da murmelt er an der Thür: „Chà, Senhora“ — also bis zu meiner nächsten Muße. Möge Dir die Zeit nicht allzu lang werden.
Deine Ulla.
[1] Das ei in portugiesischen Wörtern ist gewissermaßen getrennt zu sprechen mit dem Ton auf dem e.
Saõ Francisco, den 9. Juni 1881.