Aber zurück zu meinem Berichte von hier.

Es ist wahr, diese Pflanzung läßt sich mit Saõ Francisco nicht vergleichen. Sie stammt noch von den Großeltern Herrn de Souzas und ist lange Jahre von der Familie nicht bewohnt worden. Auch jetzt dient sie ihnen gewissermaßen nur als Arbeitsstation, und man verwendet keinen Luxus auf sie. Mein Zimmer ist bei all seinen Mängeln doch das besteingerichtete im Hause, und das ist auch der Grund, weshalb ich über nichts klagen will; ich sehe ja, daß die Familie selbst sich noch weit mehr begnügt, und die Stube ist wenigstens luftig und hell. Die salla de visita ist ein großer fünffenstriger Raum mit weißgetünchten Wänden und ausmöblirt durch ein Rohrsopha, 12 Wiener Stühle, eine Hängematte und eine Singer-Nähmaschine. Auch hier keine Gardine am Fenster, kein Teppich auf den rohen Bohlen, kein Bild an der Wand — nur, und ich konstatiere das als eine höchst vorteilhafte Ausnahme hier zu Lande, eine stets richtig gehende Uhr! Dona Maria Louisa hält auf Pünktlichkeit und besonders, was sehr dankenswert ist, auf Pünktlichkeit inbezug auf die Mahlzeiten, so daß nach denselben immer noch ein Viertel- oder halbes Stündchen zur Erholung bleibt, ehe der Unterricht wieder beginnt. Punkt neun Uhr Morgens und Punkt 3 Uhr Nachmittags finden wir uns in der „Veranda“ zum Frühstück, resp. Mittagessen zusammen. Veranda nennen die Brasilianer, abweichend von unserm Begriff einer Veranda, immer das Eßzimmer, und die unzähligen Thüren und Fenster, mit denen der Raum gewöhnlich gesegnet ist, rechtfertigen ja auch einigermaßen diese Bezeichnung. Die rustikale Veranda ist nun meistens noch dadurch ausgezeichnet, daß ihre Außenthür zugleich Hinterthür des Hauses ist und unmittelbar ins Freie führt, wodurch dieselbe alle Eigenschaften einer Berliner Hintertreppe gewinnt. So ist es auch hier. Durch sie gehen die dienenden Neger und Negerinnen hin und her; Wasser, Holz, Vorräte, Wäsche, alles wandert dort in großen Kübeln und Körben auf den Köpfen der Schwarzen aus und ein, und da der Raum meistens auch noch mit der Küche und häufig sogar mit der Kammer der Negerinnen in directer Verbindung steht, so wird auf diese Weise für die Hausfrau ein ähnlich bewundernswerter Kontrolposten geschaffen, wie die Küche der holländischen Häuser ihn bieten soll. Dona Maria Louisa übt nun aber auch, im Gegensatz zu den meisten brasilianischen Hausfrauen, diese Kontrole wirklich aus; sie ist überall und sieht den Negerinnen auf die Finger, sie bäckt selber ausgezeichnetes Weißbrot, so daß ich glücklicherweise hier den biscoitos entrinne; sie macht selber Butter auf die mühsamste Weise, indem sie die Sahne in einer Satte schlägt, bis sie zu Butter geworden. Sie näht auch unermüdlich an der Singermaschine und fördert Kleider und Wäsche für die Kinder, ja, Hemden und derbe Winterjacken für die Hausneger, kurz, sie ist thätiger, als manche berühmte „deutsche Hausfrau“ und unter schwierigeren Verhältnissen obendrein, so daß sie mir wirklich imponiert und ich sie sehr gern habe. Sie hat auch viel Humor und amusierte sich königlich über mein Entsetzen beim Anblick der hiesigen Veranda, die allerdings noch ganz nach dem mir bereits in Saõ Paulo avisierten „alten Styl“ sein muß. Ich will sie Dir beschreiben.

Der sehr große, aber mehr lange als breite Raum ist weder plafoniert noch gedielt. Der Fußboden ist zur einen Hälfte mit Backsteinen ausgelegt, während die andere ungeniert den Lehmboden zeigt, auf dem das Haus steht, das, wie alle brasilianischen Häuser, nicht unterkellert ist. In diesem Lehmboden ist eine Feuerstelle, um die sich an kalten Abenden die Familie sammelt, wie man bei uns im Winter am Ofen zusammenrückt; natürlich ist bei dieser Einrichtung der Mangel eines Plafonds nur wohlthuend, da kein anderer Abzug für den Rauch vorhanden ist als der, den die Löcher und Ritzen in der Ziegeldeckung über den Dachbalken gewähren.

An der einen Seite dieses wunderbaren Saales steht der Eßtisch, wo gefrühstückt, Mittag gegessen und Abends beim Schein eines Stearinlichtes Thee getrunken wird.

Gleich am ersten Abend bekam ich da von meinem Platze aus einen Begriff von der vielseitigen Nützlichkeit dieser Veranda. Während wir tranken, stand in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes eine Negerin und plättete Wäsche, was mir schon von vornherein für meine eigenen Sachen ein gewisses Grauen einflößte, denn in jenem Winkel mußte es erstens stockfinster sein, und dann bewegte sie auch sekundenlang das Eisen garnicht, sondern starrte mit offenem Munde zu uns herüber; man kann nur hoffen, daß es nicht sehr heiß war. Neben ihr knetete eine zweite Brotteig aus Weizenmehl. Dies und die Uhr, sowie das ungezwungenere Wesen der ganzen Familie hatte mir schon die größte Befriedigung abgerungen, als mich ein neuer Anblick ganz und gar entzückte. Du wirst Dir nicht denken können, was es ist, drum will ich es lieber gleich sagen: es war ein stiefelputzender Mulattenjunge, der in einer anderen abgelegenen Gegend dieses bewundernswerten Saales etabliert war. Also Ausnahme Nummer drei: — Nichtvorhandensein der allgemeinen brasilianischen Aversion gegen Wichse! Die Zufriedenheit mit meinem neuen Lose wuchs. Dieser kleine Mulatte — er ist übrigens zugleich Mittags der Fahnenjunge — war urkomisch anzusehen. Das einförmige, im langsamsten Tempo vollführte Wichsen mochte wohl eine unüberwindlich einschläfernde Wirkung auf ihn ausüben, denn alle Augenblicke stockte seine Thätigkeit, und er stand mit geschlossenen Augen und gehobener Bürste, gegen die Wand gelehnt, bis ihn das Fallen des Wichsinstrumentes oder ein aufscheuchendes „Nun, Ivo?“ der Hausfrau wieder in eine schläfrige Bewegung setzte. Nach gethaner Arbeit mußte er der Herrin die ganze Stiefelreihe an den Tisch bringen, wo die Dame sie musterte und den schmutzigen kleinen Kerl dann in Gnaden entließ. Nach einigen Augenblicken kam er jedoch wieder hereingelaufen und meldete: „Cäsario bringt noch das Schwein, Senhora.“ „Mein Gott, wie lästig, so spät!“ rief die Herrin — „nun, dann hilft es nichts, er komme, aber schnell!“ Herein zu der famosen Hinterthür kam „Cäsario“, der ein kleines ausgenommenes Schwein auf dem Rücken trug, das er auf einen ihm zurechtgerückten Tisch deponierte und dort zu zerlegen begann. Wahrlich, diese Veranda war ein non plus ultra von Vielseitigkeit, und ihre ausgedehnte Nutzbarmachung als Backstube, Plättkammer, Wichskabinett und Schlachthaus erspart jedenfalls, was man auch sonst davon denken mag, der Herrschaft manchen Schritt und — manches Scheltwort. Hier ist lange nicht so viel Geschrei wie in Saõ Francisco, weil von vornherein mehr Kontrole ist und daher weniger Fehler gemacht werden. Also der „alte Styl“ — er lebe!

Deine urwäldliche Ulla.

Saõ Sebastiaõ, den 19. Juli 1882.

Liebste Grete!