Nach einer Weile kam der Prediger, und der Gottesdienst begann. Ein noch junger Mann ohne Talar oder sonstiges geistliches Abzeichen trat mit großer Einfachheit vor den hölzernen Altar (eine Kanzel war natürlich nicht vorhanden) und, nur ein Testament in der Hand, hielt er eine sehr durchdachte, wirklich schöne Predigt über Christi Antwort auf die Frage des Täufers: „Bist Du, der da kommen soll, oder sollen wir eines Anderen warten?“ Grete, da konnte man fromm werden. Es war tief ergreifend, die Bibelworte, die wir Zivilisationsmenschen gewohnt werden, mit der Katechismusstunde oder den geheiligten Hallen unserer Kirchen zu verbinden und sie gewissermaßen unwillkürlich dahin zu bannen, diese Bibelworte dort in jener Lehmhütte, in der tropischen Umgebung und so wenig unterstützt durch äußere Heiligungs-Hülfsmittel erklingen zu hören. Und sie klangen nicht anders als daheim, nicht weniger ernst oder feierlich als in geschmückten Kathedralen, unter herrlich ragenden Säulen und hinter bunten Fahnen. Ich war lange nicht in einer Kirche gewesen, aber ich bezweifle, ob die glanzvollste Messe in Sankt Peters Dom auf mich auch nur nahezu den Eindruck gemacht hätte, wie unser einfacher evangelischer Gottesdienst in der Lehmhütte, auf diesem verlorenen Posten im Innern Brasiliens. Der Gedanke von der Allgegenwart des Christengottes und die Predigt: „Gott wohnet nicht in Tempeln von Menschenhänden gemacht“, drängte sich dort mit einer gewaltigen Unmittelbarheit und einer gewissen rührenden Größe sicherlich auch denen auf, die einen solchen Eindruck nicht suchten.
Die drückende Hitze hatte nach und nach etwas nachgelassen, ein leichter Wind machte sich auf und plötzlich sah ich durch mein Wandloch einzelne große Regentropfen herabfallen.... O weh, die Sättel! Rasch wurde der Regen stärker, so daß nichts übrig blieb, als Sättel und Reitkleider hereinzuholen in die Kirche, wollte man sich nicht einen höchst unangenehmen Heimweg schaffen. Gegen 60 Sättel und einige 30 Reitkleider fanden in einem Winkel der Kirche ein Unterkommen, und lächelnd mußte ich daran denken, wie sich, was hier ganz natürlich erschien, wohl in einer europäischen Kirche oder Kapelle ausnehmen würde.
Plötzlich, wie er gekommen, hörte aber der Regen wieder auf, und als der Gottesdienst beendet war und man einander Lebewohl gesagt hatte für einen Monat, konnten die Sättel wieder aufgelegt werden.
Mit weit besserem Humor gings nun in der kühleren, staubfreien Luft heimwärts, und abends brachten mich Mr. Quimby und seine Schwägerin wieder nach Saõ Sebastiaõ zurück, versprechend, mich bald wieder einmal abzuholen.
Aber da ruft die alte dicke Anna an meiner Thür: „Chà, Senhora“ — ich schließe. Schreibe bald
Deiner feschen Amazone Ulla.
Saõ Sebastiaõ, den 5. August 1882.