Die Wahrheit zu sagen, gab es auch zwischen mir und meiner Frau Feige – sie soll gesund sein! – im ersten Jahre nach der Hochzeit Zusammenstöße. Doch später, als die Kinder kamen und wir um unseren Lebensunterhalt selbst sorgen mußten, hörten diese Dummheiten auf. Ich suchte mir irgendein Geschäft; es glückte mir nicht, und so wurde ich Melamed. Und es ist wirklich nicht so schlimm – man lebt – möge es bis hundertundzwanzig Jahr' so weiter gehen!
Also kurz und gut – ich schwieg. Besonders, als mir meine Frau Feige, sie soll leben, über Broche-Leë eine vielsagende Andeutung machte. Und mir braucht man nicht erst einen Finger in den Mund zu legen. Also ein gutes Zeichen, daß es nur gut abläuft! Leider lief es aber nicht nach Wunsch ab.
Er besserte sich nämlich gar nicht, er wurde sogar noch schlimmer. Dieser Prachtmensch hatte unsers Vaters Abrahams Eigenschaft: er sprach wenig und tat viel. Es genügte nicht, daß er sich deutsch kleidete, er begann auch ganze Nächte hindurch Karten zu spielen.
Jeden Abend brachte er seine Kumpane mit ins Haus und zwang Broche-Leë, ihnen Tee zu kochen und sie mit Branntwein und Hering zu bewirten; und den Hering natürlich mit Essig und Öl – anders paßt es ihm nicht. Und dazu weiße Semmeln; Schwarzbrot ist ihnen zu gering! Und wenn etwas von den sieben Sachen fehlte, machte er einen Krach. Obendrein verhöhnte er sie und machte sie zum Spott für die Leute. Und das nicht genug – er beschimpfte sie noch mit den gemeinsten Ausdrücken!
Nun sah ich ein, daß die Sache nicht gut steht und daß man weiter nicht schweigen darf. Ich faßte mir ein Herz und ging zum Ehepaar hin.
Ich komme herein und fange, natürlich zunächst mit guten Worten an, mit feinen Reden, sogar mit einem Scherzwort, wie schon so meine Natur ist. Ich versuche die Sache zuerst freundschaftlich und gutmütig anzufassen und sage ihm, daß, obwohl er ein Verbrecher vor dem Herrn ist, die Sache noch nicht hoffnungslos sei; und ich schildere ihm das große Ansehen, das der Bußfertige im Himmel hat, und sage ihm, daß ihm auch die Verdienste von Broche-Leës gottseligen Ahnen im Himmel beistehen würden. Er müsse nur mit der Buße beginnen, nur einmal ernsthaft an Buße denken.
Ich verspreche ihm noch, ihm menschlich näher zu treten, ihn in meinen Betzirkel einzuführen und sogar, falls ich einmal, so Gott will, zum Rebben fahren werde, ihn mitzunehmen; und noch ähnliche freundschaftliche Worte sage ich ihm.
Da bricht er in ein Gelächter aus! Er lacht über mich, über meinen Betzirkel und über den Rebben! Er möchte, sagt er, auf alle diese schönen Sachen verzichten, wenn ich ihm nur Broche-Leë abnehme! Und dabei gebraucht er Ausdrücke, die man überhaupt nicht in den Mund nehmen kann!
Notgedrungen mußte ich nun einen strengeren Ton anschlagen. Ich sagte ihm, daß er, obwohl er sich deutsch kleide, doch nur ein Ignorant und ein Taugenichts sei. Und dann sagte ich ihm noch ganz furchtlos: wenn er Buße tut, ists gut, und wenn nicht, so wird er manches schwarze und finstere Jahr in der Hölle zu kosten kriegen!
Fängt er schon wieder zu lachen an: »Wer Hölle? Was Hölle?« Als ob er schon einmal dort gewesen wäre und gesehen hätte, daß es, Gott behüte, gar keine Hölle gibt! Und dann weist mir noch der freche Kerl die Tür!