Mir war, als säße zwischen uns ein hohes, stilles, bleiches Weib. Ein langer Schleier hüllt sie von Kopf bis zu Füßen ein. Ihre tiefliegenden, matten Augen schauen ins Leere, stumm sind ihre bleichen, strengen Lippen.

Dieses Weib schloß unsere Hände zusammen ... Sie versöhnte uns auf immer.

Ja ... der Tod hatte uns versöhnt ...

Ein Besuch

Ich saß am offenen Fenster ... morgens, frühmorgens am ersten Mai.

Noch war die Morgenröte nicht erschienen; aber die dunkle, laue Nacht war schon einer kühleren Dämmerung gewichen.

Noch war kein Nebel aufgestiegen, kein Lüftchen regte sich, alles lag noch in einfarbigem, stummem Schweigen ... aber schon kündete sich das nahe Erwachen an, und in der morgenfrischen Luft schwamm feuchter, stärkender Taugeruch.

Plötzlich flog durch das offene Fenster mit leisem Schwirren und Rauschen ein großer Vogel zu mir ins Zimmer herein.

Ich fuhr zusammen und blickte empor ... Es war kein Vogel, es war eine geflügelte, kleine, weibliche Gestalt, in einem schließenden, langen, schillernden Gewande.

Alles war grau an ihr, mit perlmutterartigem Schimmer; bloß die Innenseite ihrer Flügelchen zeigte den zarten roten Hauch einer erblühenden Rose; ein Kranz von Maiglöckchen umschloß die flatternden Locken ihres rundlichen Köpfchens, und gleich Fühlern eines Schmetterlings wiegten sich zwei Pfauenfedern anmutig auf ihrer lieblichen gewölbten Stirn. Sie flatterte einige Male an der Zimmerdecke umher; ihr winziges Antlitz lächelte; es lächelten auch ihre großen, schwarzen, glänzenden Augen.