»Wer ist dies Gesicht da?« fragte er, »sie gleicht dem andern Weibervolk nicht.«
Als der Kontertanz zu Ende war, führte Sitnikoff Arkad zu Madame Odinzoff; allein er schien lange nicht so gut mit ihr bekannt zu sein, als er gesagt hatte; er verwirrte sich bald in seinen Worten, und sie sah ihn mit einer Art von Erstaunen an. Doch malte sich ein freundlicher Ausdruck auf ihrem Gesicht, als er den Familiennamen Arkads nannte. Sie fragte diesen, ob er ein Sohn von Nikolaus Petrowitsch sei.
»Ja,« erwiderte er.
»Ich habe Ihren Vater zweimal gesehen und schon viel von ihm sprechen hören; es freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen.«
In diesem Augenblick wurde sie von einem jungen Adjutanten zu einem Kontertanz aufgefordert. Sie nahm es an.
»Sie tanzen also?« fragte Arkad ehrerbietig.
»Ja, aber warum fragen Sie mich das? Scheine ich Ihnen zu alt zum Tanzen?«
»Wie können Sie mir einen solchen Gedanken unterstellen? Erlauben Sie mir, Sie um die nächste Masurka zu bitten?«
Madame Odinzoff lächelte. »Gerne,« erwiderte sie und sah Arkad an, nicht mit Gönnermiene, aber so, wie verheiratete Schwestern ihre jüngeren Brüder anzusehen pflegen. Madame Odinzoff war ein wenig älter als Arkad. Sie hatte das neunundzwanzigste Jahr zurückgelegt; aber Arkad kam sich in ihrer Gegenwart wie ein junger Student, wie ein Schüler vor, wie wenn der Altersunterschied noch viel größer gewesen wäre. Matthias Ilitsch trat mit majestätischer Miene auf sie zu und machte ihr Komplimente. Arkad trat einige Schritte zurück; er ließ sie sogar während des Kontertanzes nicht aus den Augen. Sie unterhielt sich ebenso natürlich mit ihrem Tänzer wie mit Matthias Ilitsch, wobei sie Kopf und Augen langsam von einer Seite zur andern wandte. Arkad hörte sie zwei- oder dreimal ganz leise lachen. Sie hatte vielleicht, wie fast alle russischen Frauen, eine etwas starke Nase, und ihr Teint war nicht vollkommen alabasterweiß; Arkad mußte sich aber gleichwohl gestehen, daß er noch nie einer vollkommeneren Schönheit begegnet sei. Der Ton ihrer Stimme klang ihm fortwährend in den Ohren; es schien ihm sogar, daß die Falten ihres Kleides anders fielen als bei den Frauen um sie her, symmetrischer und reicher, und daß all ihre Bewegungen ebenso natürlich als edel seien.
Bei den ersten Klängen der Masurka empfand Arkad eine Art Erschütterung; er setzte sich neben seine Tänzerin und fuhr, da er nicht wußte, wie er eine Unterhaltung anknüpfen sollte, mit der Hand durch die Haare. Diese Verlegenheit dauerte aber nicht lange. Die Ruhe der Frau Odinzoff besiegte sie schnell. Ehe eine Viertelstunde verflossen war, unterhielt er sie unbefangen von seinem Vater und seinem Onkel, von seiner Lebensweise in Petersburg und auf dem Lande. Frau Odinzoff hörte ihm, den Fächer auf und zu machend, mit artiger Aufmerksamkeit zu. Arkads Geplauder wurde nur unterbrochen, wenn jemand seine Tänzerin engagierte. Sitnikoff forderte sie unter anderem zweimal auf. Sie kehrte an ihren Platz zurück und spielte wieder mit ihrem Fächer; ihr Busen hob sich nicht rascher, und Arkad nahm seine Erzählung wieder auf, glückselig, sich in ihrer Nähe zu befinden, mit ihr reden und dabei ihr Auge, ihre schöne Stirn, ihr ernstes und anmutiges Gesicht betrachten zu dürfen. Sie selbst sprach wenig; gleichwohl bekundeten ihre Worte eine gewisse Lebenserfahrung; Arkad konnte aus einigen ihrer Bemerkungen schließen, daß sie trotz ihrer Jugend schon manche Erregungen durchgemacht und über viele Dinge nachgedacht habe.