Ein sehr grosses Forschungsgebiet ergiebt sich aus den Beziehungen zwischen Liebe und Religion. G. Herman, dessen Buch wir oben erwähnten, hat im Detail geschildert, wie alle Mythologie und Religion auf sexueller Grundlage erwachsen ist, und deduziert mittelst einer höchst interessanten Beweisführung, dass aus den geschlechtlichen Feiern und Mysterien der Urvölker die Riten der heutigen Konfessionen geworden sind. Man darf behaupten, dass die Religion oder besser der Konfessionalismus das menschliche Geschlechtsleben im ganzen höchst ungünstig beeinflusst hat. Man denke nur an die religiöse Mystik mit ihren sexuellen Ekstasen und Ausschweifungen, an den Kult der „Satanskirche“, die „schwarze Messe“ u. dgl. mehr. Die monotheistischen Religionen, sobald sie zum Konfessionalismus entarten, sind hierin um nichts besser als die heidnischen Religionen, ja vielleicht noch schlimmer, und es liegt etwas Wahres in Nietzsches Ausspruch[27]: „Das Christentum gab dem Eros Gift zu trinken: — er starb zwar nicht daran, aber entartete, zum Laster“. Die meisten erotischen Epidemien sind religiösen Ursprungs.

Dass die Erscheinungen der Liebe bei verschiedenen Völkern gewissermassen nationale Formen annehmen, lehrt die Ethnologie. Die Liebe des Russen ist eine andere als die Liebe des Franzosen, die Liebe des Griechen eine andere als die des Böhmen. Einen wahrhaft objektiven Ausdruck findet diese ethnologische Verschiedenheit in der Sprache. In ihr werden die feinsten Nüancen sexueller Gefühle durch die betreffenden Worte sichtbar. Abel hat in einer höchst schätzbaren Abhandlung den ersten Versuch einer derartigen linguistischen Erforschung der Liebe gemacht.[28] Er untersucht so die Worte für Liebe in der lateinischen, englischen, hebräischen und russischen Sprache.

Die Sprache führt uns zur Dichtung. Die Werke der Literatur bieten uns ein dankbares Feld für vergleichend-geschichtliche Untersuchungen über die menschliche Liebe. Die Weltliteratur liefert das Baumaterial für eine historische Psychologie der Liebe. Sie bietet, wie Stein (a. a. O. S. 33) sagt, „den dankbarsten vergleichenden Stoff, der seiner sozialgeschichtlichen Bezwinger harrt“. Hier sind noch wahre wissenschaftliche Schätze zu heben. Homer und die Bibel, die Veden und Upanishaden, die gesamte Weltliteratur in allen ihren Auszweigungen enthalten die getreuen Abbilder dessen, was die Liebe bei jedem Volke und zu jeder Zeit gewesen ist.

Endlich wird das menschliche Geschlechtsleben beeinflusst durch die materielle Kultur einer bestimmten Epoche. Krieg und Frieden, städtisches Leben und ländliche Idylle, Kleidung und Nahrung u. v. m., verschieden nach Zeit und Ort, üben auch auf die menschliche Liebe die grössten Wirkungen aus.

So ist die Liebe als geschichtliche Erscheinung unendlich reich an Beziehungen jeder Art, welche eine höhere Bedeutung des Eros ahnen lassen als sie die rein physische Liebe erkennen lässt. Untersuchen wir daher

3. Die Liebe als metaphysisches Problem.

Dass der menschlichen Liebe eine höhere Bedeutung innewohnt, leuchtet schon daraus hervor, dass sie allein die Ursache der höchsten dichterischen Verzückung bei allen Völkern gewesen ist und noch ist. Und zwar ist es nicht die äussere Erscheinung, sondern das gewaltige innere Wesen der Liebe, was den Menschen unwiderstehlich bezwingt. Wie Don Cesar in der „Braut von Messina“ sagt:

Nicht ihres Lächelns holder Zauber war’s,

Die Reize nicht, die auf der Wange schweben,

Selbst nicht der Glanz der göttlichen Gestalt —