Dr. Wilhelm Rudeck, der bekannte Verfasser von „Medizin und Recht, ein Handbuch bei Ehescheidungs- und Vaterschaftsklagen,“ wendet sich mit dem vorliegenden Buche einem der auffälligsten Faktoren der moralischen Entwicklung zu: der Regelung des sexuellen Lebens innerhalb der Oeffentlichkeit. Die Entwicklung der Begriffe der öffentlichen Sittlichkeit hat das ganze moralische Aussehen der bürgerlichen Gesellschaft so vielfach umgestaltet, wie wohl nur noch die Frömmigkeit und Humanität!
Unter öffentlicher Sittlichkeit versteht der Verfasser die Summe aller Sitten einer Zeit, in denen Beziehungen zum sexuellen Leben enthalten sind. In welchen tatsächlich anerkannten und geübten gesellschaftlichen Normen sich das sexuelle Leben der einzelnen äussert, ob die Sexualität von der Oeffentlichkeit überhaupt ausgeschlossen, oder wie sie in ihr geduldet und geordnet wird, das ist das Thema, das eine Geschichte der öffentlichen Sittlichkeit zu behandeln hat.
In diesem Sinne könnte man also den Begriff der öffentlichen Sittlichkeit dem der öffentlichen Schamhaftigkeit gleichsetzen, übrigens auch aus dem Grunde, weil es sich selbstverständlich nicht um die Oeffentlichkeit des geschlechtlichen Aktes selbst, sondern um die näheren oder entfernteren Beziehungen zu ihm handelt.
Das beiliegende Inhalts-Verzeichnis bietet einen Ueberblick über Rudecks hochinteressantes Werk, das soeben in zweiter, vermehrter und verbesserter Auflage erschien — allein die Illustrationen sind von 32 auf 58 vermehrt. —
Im Verlag von H. Barsdorf in Berlin W. 30 erschien:
Apulejus, der goldne Esel.
Satyrisch-mystischer Roman. Uebersetzt von Rode. Nach dem Original von 1783. 2 Teile. 7. Aufl. mit 16 Illustrationen. 1922. Eingeleitet von M. G. Conrad.
Brosch. M. 20.—. Gebd. M. 28.—
Der berühmte antike Sittenroman des Apulejus aus Madaura liegt hier in einer neuen eleganten Ausgabe vor, welche die vorzügliche Uebersetzung von August Rode mit einem geistvoll-satyrischen, moderne Verhältnisse vom Standpunkte des Apulejus beleuchtenden Vorwort aus der Feder von M. G. Conrad darbietet. Kein Gebildeter wird ohne hohen geistigen Genuss dieses dem „Satyricon“ des Petronius ebenbürtige sittengeschichtliche Kunstwerk lesen, das nicht nur wegen der allbekannten reizenden Episode von Amor und Psyche den Leser fesselt. Die frivole Welt des ausgehenden Alterthums wird in diesem durch die Sorgfalt der Composition ausgezeichneten Romane wieder lebendig. Der bunte Wechsel der oft sehr verfänglichen Episoden, die merkwürdigen Situationen und kulturhistorisch wertvollen Schilderungen antiken Lebens, die mit dem glänzenden Schauspiel der aegyptischen Mysterien schliessen, machen die Lectüre zu einer höchst spannenden. Die alte, schon von Lucian verwendete Fabel von der Verwandlung eines Menschen in einen Esel, welche Apulejus zu dem Märchen vom „goldnen Esel“ verarbeitet hat, giebt dem Autor die Veranlassung, in der üppigen Lascivität einzelner Scenen und mit eigenartiger erotisch-satyrischer Phantastik ein getreues Bild der sittlichen Corruption in der römischen Kaiserzeit vorzuführen.