Inhaltsverzeichnis.
Vorwort | |
Einleitung | „ [1]. |
[Die Aufgaben einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens]: 1. Die Liebe als physisches Problem. [S. 2]. — Die Liebe als historisches Problem. [S. 11]. — Die Liebe als metaphysisches Problem. [S. 20]. — | |
I. Das Zeitalter des Marquis de Sade | |
Allgemeiner Charakter des 18. Jahrhunderts in Frankreich [S. 30]. — Die französische Philosophie im 18. Jahrhundert [S. 35]. — Das französische Königtum im 18. Jahrhundert [S. 40]. — Adel und Geistlichkeit [S. 48]. — Die Pariser Polizeiberichte über die Unsittlichkeit der Geistlichen [S. 52]. — Die Jesuiten [S. 63]. — Die schwarze Messe [S. 67]. — Die Nonnenklöster [S. 72]. — Die Frau im 18. Jahrhundert [S. 76]. — Die Litteratur [S. 88]. — Die Kunst im 18. Jahrhundert [S. 107]. — Die Mode [S. 119]. — Prostitution und Geschlechtsleben im 18. Jahrhundert[S. 124]. — Bordelle, geheime pornologische Klubs und Prostituierte [S. 125]. — Das Freudenhaus der Madame Gourdan [S. 127]. — Justine Paris und das Hôtel du Roule [S. 132]. — Das Bordell der Richard [S. 138]. — Ein Negerbordell [S. 138]. — Die „petites maisons“ [S. 139]. — Die geheimen pornologischen Klubs [S. 141]. — Die Freudenmädchen [S. 144]. — Das Palais-Royal und andere öffentliche Dirnenlokale [S. 162]. — Die Onanie im 18. Jahrhundert [S. 176]. — Tribadie im 18. Jahrhundert [S. 178]. — Die Paederastie [S. 202]. — Flagellation und Aderlass [S. 209]. — Aphrodisiaca, Kosmetica, Abortiv und Geheimmittel im 18. Jahrhundert [S. 214]. — Gastronomie und Alkoholismus im 18. Jahrhundert [S. 234]. — Diebstahl und Räuberwesen [S. 238]. — Der Giftmord [S. 243]. — Mord und Hinrichtungen [S. 246]. — Ethnologische und historische Vorbilder [S. 267]. — Italienische Zustände im 18. Jahrhundert [S. 277]. — Papst Pius VI. [S. 286]. — Die Königin Karoline von Neapel [S. 288]. — | |
II. Das Leben des Marquis de Sade | |
Die Vorfahren [S. 292]. — Petrarca’s Laura [S. 292]. — Die übrigen Vorfahren [S. 294]. — Die Kindheit des Marquis de Sade [S. 298]. — Die Jugendzeit [S. 301]. — Das Gefängnisleben des Mannes [S. 307]. — Die Affäre Keller (3. April 1768) [S. 308] — Der Skandal zu Marseille (Cantharidenbonbons-Orgie) [S. 316]. — Einkerkerung in Vincennes und in der Bastille [S. 322]. — Teilnahme an der Revolution und litterarische Tätigkeit [S. 327]. — Der Tod [S. 344]. — | |
III. Die Werke des Marquis de Sade | |
„[Justine“ und „Juliette]“. Geschichte der Entstehung [S. 348]. — Die Vorrede [S. 350]. — Analyse der „Justine“ [S. 351]. — Analyse der „Juliette“ [S. 362]. — Die „Philosophie dans le Boudoir“ [S. 393]. — Die übrigen Werke des Marquis de Sade [S. 396]. — Charakter der Werke des Marquis de Sade [S. 400]. — Die Philosophie des Marquis de Sade [S. 403]. — | |
IV. Theorie und Geschichte des Sadismus | |
Wollust und Grausamkeit [S. 431]. — Anthropophagie und Hypochorematophilie [S. 432]. — Weitere sexualpathologische Typen bei Sade [S. 435]. — Versuch einer Aufstellung von erotischen Individualitäten [S. 440]. — Sorgfalt im Arrangement obscöner Gruppen [S. 441]. — Das Mysterium des Lasters [S. 442]. — Die Lüge als Begleiterin sexueller Perversion [S. 443]. — Sade’s Ansicht über die Natur der sexuellen Entartung [S. 444]. — Unsere Definition des Sadismus [S. 446]. — Beurteilung des Menschen Sade nach seinem Leben und seinen Schriften [S. 450]. — | |
V. Geschichte des Sadismus im 18. und 19. Jahrhundert | |
Verbreitung und Wirkung der Schriften des Marquis de Sade [S. 459]. — Rétif de la Bretonne’s „Anti-Justine“ [S. 464]. — Charles de Villers [S. 466]. — Despaze [S. 471]. — Der Sadismus in der Litteratur [S. 471]. — Einige sadistische Sittlichkeitsverbrechen [S. 486]. — Fall von Hypochorematophilie [S. 488]. — Statuenschändung [S. 488]. — Körperliche Gebrechen als Reizmittel [S. 488]. — Sadistische Venaesectio. (Affäre T....) [S. 489]. — Affäre Michel Bloch [S. 489]. — Wort-Sadismus [S. 491]. — Nachahmung des Marseiller Skandals [S. 492]. — Schluss [S. 493]. — | |
VI. Bibliographie | |
Vorwort.
Während ich mit den Vorbereitungen für das vorliegende Werk beschäftigt war, erschien im März dieses Jahres der geistreiche Essay von A. Eulenburg („Der Marquis de Sade“ in: Die Zukunft 7. Jahrgang No. 26, vom 25. März 1889, S. 497–515), dem geschätzten Neurologen und hervorragenden medizinischen Publizisten. Dieser Artikel und ein von Eulenburg im Berliner Psycholog. Verein gehaltener Vortrag eröffnen die wissenschaftliche Sade-Forschung in Deutschland. Um dieselbe Zeit ist auch in Frankreich durch die Studie des Dr. Marciat über den Marquis de Sade (Lyon 1899) das Interesse an einer der merkwürdigsten Persönlichkeiten des 18. Jahrhunderts wieder neu belebt worden, nachdem G. Brunet’s wertvolle biographisch-litterarische Beiträge (1881) wenig Beachtung gefunden hatten. Mit P. Ginisty’s dankenswerter Publikation unedierter Briefe der Marquise und des Marquis de Sade (in der „Grande Revue“ 1899 No. 1) ist hoffentlich der Anfang gemacht worden, den bisher so ängstlich gehüteten litterarischen Nachlass des Verfassers der „Justine“ der wissenschaftlichen Welt zu erschliessen.
Ich habe, bereits mit meinem Werke über den Marquis de Sade beschäftigt, alle diese Publikationen mit Freuden begrüsst als ein bezeichnendes Symptom, dass man in den gelehrten Kreisen das Bedürfnis empfindet, genauer über die rätselvolle Persönlichkeit des „joli Marquis“ unterrichtet zu sein als dies bisher der Fall war. Denn noch 1895 schrieb Eulenburg („Sexuale Neuropathie“ S. 120): „Nur zu oft habe ich die Beobachtung gemacht, dass man sich in der Litteratur dieses Gegenstandes fortwährend auf de Sade und seine Werke bezieht, ohne die allergeringste wirkliche Kenntnis davon zu verraten.“ Dies Dunkel zu lichten, war hohe Zeit.
Seit früher Jugend wuchs ich in der buntesten, farbenreichsten aller Welten auf, in der Welt der Bücher! Und es ging mir wie jedem Bibliophilen. Nicht blos das harmonisch Schöne, das Klassische im beglückenden Sinne des Wortes zog mich an, sondern auch jene, um mit Macaulay zu reden, „seltsamen Fragmente aus der litterarischen Geschichte“, jene bizarren Phaenomene menschlicher Einbildungskraft erregten früh mein Interesse. Der Bücherfreund weiss, dass es kein Produkt des menschlichen Geistes giebt, welches nicht von einigem Wert für die Erkenntnis wäre. Der Bücherfreund sucht in den Büchern mit liebevollem Herzen die Menschen. Nichts „Menschliches“ darf ihm fern bleiben, nicht nur um sein Wissen, seine Erkenntnis zu mehren, sondern auch, weil er ein Menschenfreund ist und sein will.
Daher ist dieses Buch nach Anlage, Ausführung und Inhalt das erste wissenschaftliche Originalwerk über den Marquis de Sade in einer lebenden europäischen Sprache, kein geistreiches Feuilleton, auch keine dürre Registrierarbeit, sondern der ernsthafte Versuch, ein wirklich brauchbares „document humain“ zu liefern, das dem Erforscher der Menschennatur von einigem Nutzen sein könne. Es ist geschrieben für den Arzt — ich selbst bin ein solcher — für den Juristen, den Nationalökonomen, den Historiker, den Philosophen — für alle die, welche im sozialen Sinne thätig sind und das Wohl der menschlichen Gesellschaft fördern wollen. Es hat eine „moralische“ Tendenz. Denn ich glaube, dass es einstweilen noch moralisch ist, die Ehe als das Fundament der Gesellschaft zu preisen und in der physischen Liebe mit Plato und Hegel nur ein Uebergangsstadium zu einer höheren geistigen Bethätigung zu sehen. Ich habe in diesem Buche alles erreichbare Material über den Marquis de Sade zusammengetragen. Nichts dürfte fehlen. Aber ich habe im Sinne dieser „Studien“ sein Leben und seine Werke als Objekte der geschichtlichen Erfahrung aufgefasst und damit — wie ich glaube — einen neuen Weg zur Erkenntnis der sexualpathologischen Phaenomene betreten. Ob er gangbar ist, das mögen die Leser und die Kritiker beurteilen.
Wenn der berühmte Nationalökonom W. Roscher dem Herausgeber des „Hermaphroditus“ von Antonius Panormita, dem gelehrten und ehrlichen F. C. Forberg eine „schimpfliche Sachkenntnis“ zum Vorwurf macht, wenn Parent-Duchatelet sein grosses Werk über die Prostitution in Paris mit einigen entschuldigenden Worten über die darin vorkommenden Obscönitäten einleitet, so finde ich Beides unaufrichtig und eines Forschers nicht würdig. Ich entschuldige mich nicht. Mögen die moralisch Entrüsteten kommen! Ich tröste mich mit dem Worte eines von mir sonst nicht sehr Geliebten: „Niemand lügt so viel, als der Entrüstete“. (Fr. Nietzsche „Jenseits von Gut und Böse“ Aphorismus 26, S. 48).
Das Uebel ist in der Welt. Man muss es erforschen, aufdecken und die Mittel zu seiner Beseitigung zu finden suchen. Dies habe ich gethan. Im übrigen muss der Mensch sein, wie die Geschichte. Denn diese ist nicht das Weltgericht, sie führt nicht hinab zu Minos und Rhadamanthys, sondern sie führt empor und deutet mit dem ernsten, grossen Auge, mit der ehernen, nie ermüdenden Hand auf olympische Höhen.
Berlin, den 15. Dezember 1899.