„Sie hiess Madame Paris, ohne Zweifel ein angenommener Name, der aber Alle befriedigte.

Durch die Polizei geschützt, war sie weit genug von Paris entfernt, um überzeugt zu sein, dass die Besucher ihrer Anstalt Leute waren, die über der Mittelklasse standen.

„Die innere Polizei war geordnet wie nach Noten, und alle Vergnügungen hatten einen gewissen Tarif.

„Man zahlte sechs Francs für ein Frühstück mit einer Nymphe, zwölf für ein Diner und das Doppelte für eine Nacht“.

Hier machen wir einen Augenblick Halt und konstatieren, dass diese Schilderung Casanova’s fast Wort für Wort mit der oben gegebenen Beschreibung des Bordells der Duvergier in de Sade’s „Juliette“ übereinstimmt. Das Haus der Duvergier liegt wie das der Justine Paris „einsam“ in einem „Garten“, auch sie hatte einen vortrefflichen „Koch“, ausgezeichnete „Weine“, und last not least war auch sie „durch die Polizei geschützt“ (soutenue à la Police). Vergegenwärtigen wir uns, dass bei der genauen Beschreibung des Bordells der Gourdan sowie auch bei anderen Pariser Freudenhäusern nirgends ein Koch erwähnt wird, dass die Reihenfolge der übrigen Epitheta bei Casanova und de Sade genau dieselbe ist, endlich dass Casanova, der im Juni 1798 starb, nachdem seine nur bis 1773 reichenden Memoiren längst im Manuscripte vollendet waren, die im Jahre 1797 erschienene „Juliette“ sicher nicht mehr für diese verwertet hat und auch früher den Marquis de Sade nicht gekannt hat, dass ferner seine Memoiren erst im Jahre 1822 in der Oeffentlichkeit erschienen, so lässt sich daraus der sichere Schluss ziehen, dass beide Männer, die deshalb kulturhistorisch so wichtig sind, weil in ihren Schriften ein photographisch getreues Bild der sittlichen Corruption des 18. Jahrhunderts uns dargeboten wird, mit fast den gleichen Worten dasselbe Bordell schildern. Der Marquis de Sade hat unter dem Namen der Duvergier das Treiben der Justine Paris geschildert. Wir sind überzeugt, dass spätere Forscher den von uns gefundenen zahlreichen Analogien neue hinzufügen werden. Daraus ergiebt sich, dass die Werke des Marquis de Sade ebenso ein Objekt der Kulturgeschichte wie der Medizin sind. Dieser merkwürdige Mensch hat uns von vornherein ein lebhaftes Interesse eingeflösst. Wir wollten ihn verstehen, um ihn erklären zu können, und wir überzeugten uns bald, dass auch der Arzt hier die wichtigste Belehrung nur aus der Kulturgeschichte empfangen kann. Das Individuum de Sade wird erleuchtet durch den geschichtlichen Menschen.

Kehren wir nach diesem Excurse zu der Schilderung Casanova’s zurück. „Wir stiegen in einen Fiaker und Zatu sagte zu dem Kutscher: ‚Nach Chaillot‘.

„Nach einer halbstündigen Fahrt hielt dieser vor einem Torwege, über dem man ‚Hôtel du Roule‘ las.

„Das Tor war geschlossen. Ein Schweizer mit grossem Bart trat aus einer Seitentür und mass uns ernsthaft mit den Augen. Er fand uns anständig, öffnete und wir fuhren hinein.

„Eine einäugige Frau von ungefähr fünfzig Jahren, welche aber noch Spuren früherer Schönheit erkennen liess, redet uns an, und nachdem sie uns artig begrüsst hatte, fragte sie, ob wir bei ihr dinieren wollten.

„Auf meine bejahende Antwort führte sie uns in einen schönen Saal, in welchem wir vierzehn junge Mädchen sahen, die sämtlich schön und gleichmässig in Mousselin gekleidet waren.