Wir wollen in Kürze das System einer Wissenschaft des menschlichen Geschlechtslebens darstellen und betrachten zunächst

1. Die Liebe als physisches (natürliches) Problem.

Die „Kosmogonie“, die Erschaffung der Welt selbst, des gestirnten Himmels und der seligen Götter wird in den Mythen vieler Völker als ein Akt der geschlechtlichen Zeugung gedacht. So erhaben, so wunderbar und rätselvoll erschien schon den ältesten Menschen in grauer Vorzeit der rein physische Vorgang der Paarung, Befruchtung und Geburt. Materie ist der „Mutter“ Stoff, das Weltganze, die „Natura“ ist das „Geborene“. Nach G. Herman[1] hat die neuere Schule der anthropologischen und mythologischen Forschung eine derartige Anthropomorphisierung der Weltentstehung als wahrscheinlichste Quelle aller Religionssysteme angenommen. Himmel und Erde sind dem Chinesen „Vater und Mutter aller Dinge.“ Auch das „Weltenei“ spielt in den Religionen und Mythen der verschiedensten Völker eine grosse Rolle.

Die ersten Geschöpfe aber, Götter sowohl wie Menschen, sind Zwitter[2]. Wer kennt nicht die berühmte Erzählung des Aristophanes im platonischen „Gastmahl“ (Kap. 14)? Einst sei die Natur des Menschen eine andere gewesen als jetzt. „Denn zuerst gab es drei Geschlechter von Menschen, nicht wie jetzt nur zwei, das männliche und das weibliche, sondern noch ein drittes dazu, welches das gemeinschaftliche war von diesen beiden; sein Name ist noch übrig, während es selbst verschwunden ist. Mannweib (ἀνδρόγυνος) nämlich war damals dieses eine.“ Auch aus dem anfangs zweigeschlechtlichen Adam der Bibel ging das erste Menschenpaar als Mann und Weib hervor.

Die Liebe als kosmogonisches Prinzip spielt bei Empedokles eine ganz besondere Rolle. Zwei Grundkräfte sind es, durch welche nach diesem Philosophen alle Veränderung in der Mischung und Trennung der Stoffe hervorgebracht wird: Die Liebe und der Hass. In unermesslichen Perioden der Weltentwickelung überwiegt bald die eine, bald die andere dieser beiden Grundkräfte als herrschende Macht. Ist die Liebe zur völligen Herrschaft gelangt, so ruhen alle Stoffe in seligem Frieden vereint in der Weltkugel als in Gott. Durch das Fortschreiten der Macht des Hasses, auf deren Höhepunkt alles zerstreut und zersprengt ist, oder umgekehrt, durch das Fortschreiten der Macht der Liebe werden verschiedene Uebergangszustände in der Weltentwickelung hervorgebracht. Durch das wiederholte Spiel von Zeugung und Vernichtung blieben schliesslich allein die Erzeugnisse übrig, welche die Bürgschaft der Dauer und Lebensfähigkeit in sich trugen. — Wie die oben erwähnten kosmogonischen Theorien durchweg anthropomorphisierender Tendenz sind und auf Beobachtungen in der organischen Natur beruhen, so ist die Idee des Empedokles eine grossartige Konzeption einer naturwissenschaftlichen Vorstellung, wie sie im modernen Darwinismus ausgebildet worden ist.

Die neuere Wissenschaft hat die naiven mythologischen und kosmogonischen Vorstellungen der Vorzeit bestätigt. Wir wissen auch, dass die physische Liebe des Menschen, also das Anfangsglied der Entwickelung selbst erst ein sekundäres Erzeugnis, das Produkt einer Differenzierung ist, nur erklärbar durch die Entwickelung des organischen Lebens überhaupt. Die Zwitterbildung, d. h. die Vereinigung der beiden Geschlechtszellen in einem Individuum ist der älteste und ursprünglichste Zustand der geschlechtlichen Differenzierung. Erst später entstand die Geschlechtstrennung. Nach Haeckel[3] findet sich der Hermaphroditismus nicht nur bei niedersten Tieren, sondern auch alle älteren wirbellosen Vorfahren des Menschen, von den Gastraeaden bis zu den Prochordoniern aufwärts, werden Zwitter gewesen sein. Wahrscheinlich waren sogar die ältesten Schädellosen noch Hermaphroditen. Ein wichtiges Zeugnis dafür liefert der merkwürdige Umstand, dass mehrere Fisch-Gattungen noch heute Zwitter sind, und dass gelegentlich als Atavismus auch bei höheren Vertebraten aller Klassen der Hermaphroditismus noch heute wieder erscheint.

Die Geschlechtstrennung, der Gonochorismus, wie Haeckel dies nennt, erscheint später als die Verteilung der beiderlei Geschlechtszellen auf verschiedene Personen.[4] Dann treten zu den primären Geschlechtsdrüsen sekundäre Hilfsorgane wie Ausführgänge u. s. w. hinzu, und zuletzt entwickeln sich durch geschlechtliche Zuchtwahl, die Selectio sexualis, die sogenannten „sekundären Sexual-Charaktere“, d. h. diejenigen Unterschiede des männlichen und weiblichen Geschlechts, welche nicht die Geschlechtsorgane selbst, sondern andere Körperteile betreffen (z. B. der Bart des Mannes, die Brust des Weibes).

Hierbei unterliegt die morphologische Ausbildung der menschlichen Geschlechtsorgane dem berühmten, von Haeckel zuerst formulierten „biogenetischen Grundgesetz“, das die Ontogenie, die individuelle Entwickelung, einen abgekürzten, unvollständigen Abriss der Phylogenie, der Stammesentwickelung darstellt. In den grossen Lehrbüchern der Entwickelungsgeschichte von Kölliker und Hertwig findet man die zuverlässigsten Darstellungen der Ontogenie der Sexualorgane.

In der Beschreibung der ausgebildeten männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane ist das klassische Werk von Kobelt[5] bisher noch nicht übertroffen worden, wenn auch die Beschreibung der Geschlechtsorgane in dem grossen „Handbuch der Anatomie des Menschen“ von K. von Bardeleben (Jena 1896 ff.) viele neue Aufschlüsse zu bringen verspricht.[6]

Die Entstehung der sekundären Geschlechtscharaktere ist Gegenstand der Darstellung in dem berühmten Buche von Charles Darwin.[7]