Pius VI. (1775–1798), vorher Giovanni Angelo, Graf Braschi, war einer der schönsten Männer seiner Zeit, „hochgewachsen, von edlem Aussehen, blühender Gesichtsfarbe“. Er trug sein päpstliches Gewand mit einer Art von Koketterie und trug vor allem seine schönen — Beine zur Schau, indem er stets sein langes Gewand an der einen Seite etwas aufhob, so dass wenigstens ein Bein sichtbar war, auch legte er grosses Gewicht auf eine schöne Frisur. Diese Eitelkeit geisselte das folgende Distichon:

Aspice, Roma, Pium. Pius! haud est: aspice mimum.

Luxuriante coma, luxuriante pede.

Er liess sich denn auch von der Geistlichkeit und den Gläubigen gehörig anbeten, mit einer „vénération stupide“, der aber manchmal ein ironischer Beigeschmack nicht fehlte. Seine Ausfahrten geschahen mit ungeheuerem Gepränge. Draussen war Pius ein Gott, im Vatican ein vielfach verspotteter Mensch. Zeigte er sich auf der Strasse, so riefen die Frauen: Quanto è bello, quanto è bello! Und man behauptete, dass Pius sich dadurch mehr geschmeichelt gefühlt habe als durch die Huldigung der Kardinäle. Der Kardinal Bernis nannte ihn ein lebhaftes Kind, das man immer bewachen müsse.[464] Auch Coletta schildert diesen Papst als einen „bildschönen Mann“, von grosser Liebe zum Putze und weibischen Eigenschaften.[465] Er war im Gegensatz zu seinem Vorgänger Clemens XIV. den Jesuiten zugeneigt.[466] Was sein Verhalten in geschlechtlicher Beziehung betrifft, so begünstigte er nach Casanova (Bd. XVII, S. 169) die Prostitution, hielt nach Gorani selbst viele Maitressen und trieb sogar Incest mit einer natürlichen Tochter.[467] Bourgoing dagegen findet ihn in sexueller Hinsicht ganz rein und sagt, dass Pius VI. seine Zeit zwischen den religiösen Pflichten, seinem Cabinet, Museum und der vatikanischen Bibliothek teilte.[468]

2. Die Königin Karoline von Neapel.

Die Königin Karoline von Neapel schildert der Marquis de Sade als vollendete Tribade (Juliette V, 258), und beschreibt ihre Reize „nach der Natur“. Sie sowohl, wie ihr Gemahl, der König Ferdinand IV., zeichnen sich durch einen hohen Grad von wollüstiger Grausamkeit aus, die sich in verschiedenen von Sade geschilderten wilden Ausbrüchen äussert, so z. B. bei dem grossen neapolitanischen Volksfeste, bei dem 400 Personen getötet werden. (Juliette VI, 1.)[469]

Hier hat der Marquis de Sade wirklich durchaus „nach der Natur“ geschildert. Man darf sagen, dass von Helfert’s Aufsehen erregender Versuch einer Ehrenrettung der Königin Karoline von Neapel[470] vollständig misslungen ist, wie die bündige Widerlegung der Helfert’schen Ausführungen durch Moritz Brosch wohl definitiv dargethan hat.[471] Danach bestehen die von Gorani, Coletta und vielen anderen dargebotenen Enthüllungen über die Sittenlosigkeit der Königin Karoline zu Recht.

Coletta sagt von ihr, dass sie „mehr als eine Leidenschaft besass, rachsüchtig und hochfahrend war und durch eine glühende Wollust verblendet wurde“.[472]

Gorani, der den Stoff zu seinem berühmten Werke in den Jahren 1779 bis 1780 und 1789 bis 1790 sammelte, richtete seine Angriffe besonders gegen die neapolitanischen Zustände, denen wohl das bekannte Motto seiner Memoiren gilt:

Des tyrans trop longtemps nous fûmes les victimes,