Weinrebe

Der Schatzgräber.

Ein Winzer, der am Tode lag, Rief seine Kinder an und sprach: „In unserm Weinberg liegt ein Schatz, Grabt nur darnach!“ — „An welchem Platz?“ Schrie alles laut den Vater an. — „Grabt nur!“ O weh, da starb der Mann.

Kaum war der Alte beigeschafft, So grub man nach aus Leibeskraft. Mit Hacke, Karst und Spaten ward Der Weinberg um und um gescharrt. Da war kein Kloß, der ruhig blieb; Man warf die Erde gar durchs Sieb Und zog die Harken kreuz und quer Nach jedem Steinchen hin und her. Allein da ward kein Schatz verspürt Und jeder hielt sich angeführt.

Doch kaum erschien das nächste Jahr, So nahm man mit Erstaunen wahr, Daß jede Rebe dreifach trug. Da wurden erst die Söhne klug Und gruben nun jahrein, jahraus Des Schatzes immer mehr heraus.

Gottfr. Aug. Bürger.

Grabkreuz

Hoffnung.

Es reden und träumen die Menschen viel von bessern künftigen Tagen, nach einem glücklichen, goldenen Ziel sieht man sie rennen und jagen. Die Welt wird alt und wird wieder jung, doch der Mensch hofft immer Verbesserung. Die Hoffnung führt ihn ins Leben ein, sie umflattert den fröhlichen Knaben, den Jüngling locket ihr Zauberschein, sie wird mit dem Greis nicht begraben; denn beschließt er im Grabe den müden Lauf, noch am Grabe pflanzt er die Hoffnung auf. Es ist kein leerer, schmeichelnder Wahn, erzeugt im Gehirne des Toren; im Herzen kündet es laut sich an: Zu was Besserm sind wir geboren. Und was die innere Stimme spricht, das täuscht die hoffende Seele nicht.

Friedrich von Schiller.