So wuchs mein Vermögen. Wozu denn? fragte ich; du brauchst ja nicht den zwanzigsten Teil davon. — Prunk damit treiben vor den Leuten? — Das ist Torheit. Soll ich in meinen alten Tagen noch ein Loch im Ärmel aufweisen? — Hilf anderen, wie dir Gott durch andere geholfen hat. Dabei bleibt's. Das höchste Gut, das der Reichtum gewährt, ist zuletzt Unabhängigkeit von den Launen der Leute und ein großer Wirkungskreis. — Jetzt, Konrad, gehe auf die hohe Schule, lerne etwas Rechtes; denke an den Mann mit der schneeweißen Perücke; hüte dich vor dem ersten kleinen Loche im Ärmel; mach es nicht wie mein Kamerad Albrecht! Er ward zuletzt Soldat und ließ sich in Amerika totschießen.
Heinrich Zschokke.
Der gekreuzte Dukaten.
„Wenn ich nur hunderttausend Gulden hätte!“ Das hast du vielleicht auch schon oft gedacht oder gesagt. Wenn du aus einem Talerlande bist, ist es dir nicht darauf angekommen und hast hunderttausend Taler daraus gemacht, obgleich das ein Erkleckliches mehr ist. Ich nehme dir den Hunderttausendwunsch nicht übel, es ist keine schlimme Sache ums Reichsein, aber das Glück macht es doch nicht aus. Davon kann ich eine besondere Geschichte erzählen.
Ein junger Mann hatte seine Hunderttausend geerbt, und er begnügte sich auch damit. Er wollte bloß sein Geld verzehren, arbeiten aber wollte er nicht; das, meinte er, sei nur etwas für unbemittelte Leute. So hatte also der Herr Adolf gar kein Geschäft als Essen, Trinken, Schlafen, Spazierengehen oder Reiten, und was ihm sonst noch einfiel. Ja, das Aus- und Anziehen war ihm viel zu viel, und er hielt sich einen Kammerdiener. Wenn er des Morgens erwachte, wußte er eigentlich gar nicht, warum er aufstehen sollte; es wartete kein Geschäft und darum keine rechte Freude auf ihn. Darum blieb er auch fein liegen, bis ihm auch das zu beschwerlich wurde. Fast ging es ihm wie jenem Engländer, der aus purer Langeweile, um sich nicht mehr aus- und anziehen zu müssen, sich das Leben nahm.
Herr Adolf machte dann jeden Vormittag seinen Spaziergang, damit er den Nachmittag für sich frei und nichts mehr zu tun habe. Meist lag er auf dem Kanapee, gähnte und rauchte. Dabei hatte er mitunter noch seine besonderen Gedanken. Jeder Mensch, dachte er, hat so seine Summe von Kraft mit auf die Welt bekommen, die für seine siebenzig Jährlein oder auch mehr ausreichen muß. Wenn ich also einen schweren Stuhl von einem Ort an den andern hebe, ist damit ein Stück von meiner Lebenskraft aufgewendet und verbraucht — darum laß ich's hübsch bleiben. Auf solche Gedanken kann ein Nichtstuer kommen.
Der Herr Adolf ward aber dick und oft kränklich und mußte seinen Leib pflegen. Das war auch ein Geschäft.
Das Jahr durch ging dem Herrn Adolf manch schönes Stück Geld durch die Hand, und dabei hatte er die besondere Liebhaberei, daß er bei jeder Goldmünze, die er ausgab, ein kleines, zierliches Kreuz unter die Nase des geprägten Herrschers machte. Er dachte wenig dabei, denn er hatte ja Gold genug; ihn kümmerte überhaupt nichts, wie es anderen Menschen ging, obgleich er manchmal aus angeborener Gutmütigkeit einem Armen etwas schenkte.
Ich will nur einmal sehen, dachte er, ob nach langer Umherwanderung in der Welt mir einmal wieder so ein Goldstück unter die Hände kommen wird. Da nun Herr Adolf gar nichts war, so nahm er sich ernstlich vor, etwas zu werden und er ward — ein Passagier. Das ist noch immer ein Titel, wenn man sonst weiter nichts ist. Er reiste nämlich von einer Stadt in die andere, von einem Land ins andere und ließ sich's überall wohl sein, und wo er etwas zu bezahlen hatte, da gab er die mit seinem Ordenskreuze gezierten Goldstücke hin. Noch nie aber war es ihm vorgekommen, daß er eins wiedergesehen hätte. Endlich ward er des Herumreisens auf dem festen Lande müde, er verließ die Alte Welt und schiffte sich nach Amerika ein.
Nun war der Herr Adolf noch etwas mehr als ein Passagier, er war sogar ein Auswanderer. Diesmal aber ging's gar schlecht auf der See. Fünf Tage und fünf Nächte wütete ein gewaltiger Sturm. Alles, was auf dem Schiffe war, mußte Hand ans Werk legen, aber vergebens — das Schiff ging unter, und nur der Beherztheit des Schiffshauptmanns gelang es, die Mannschaft und die Reisenden in einer Schaluppe zu retten. Nach zwei Tagen fürchterlichen Umherirrens und schrecklicher Hungersnot, in welcher viele starben, wurden die Verschlagenen von einem Kauffahrteischiffe aufgenommen und in den Hafen zu Boston gebracht.