img

Hans Lustig.

Hans Lustig

Hans Lustig war armer Leute Kind, sein Vater war Schuhflicker, seine Mutter Wäscherin. Er war ein kleiner breitschulteriger Junge, etwa zwölf Jahre alt. Jeder, der ihn ansah, hatte seine Freude an dem munteren Knaben; denn wie aus seinen dürftigen Kleidern ein kräftiger, gesunder Körper, ein Paar braune, feste Arme hervorguckten, so schaute aus seinen Gesichtszügen ein frischer lustiger Sinn hervor, so daß er seinen Namen nicht umsonst führte. Hans hatte von frühauf zu tun: für den Vater die Schuhe und Stiefel auszutragen, der Mutter die Wäsche zu hüten und allerlei Einkäufe für die kleine Wirtschaft zu besorgen. Die ganze Straße kannte den lustigen Buben, und weil er jeden so freundlich anlachte, suchten die Leute auch ihm allerlei Freude zu machen. Der Bäcker schenkte ihm oft einige Fastenbrezeln, die Kunden seines Vaters allerlei Kleidungsstücke oder irgend ein Spielzeug, und selbst manche blanke Kupfermünze brachte er seiner Mutter nach Hause, die sie in einer tönernen Sparbüchse verwahrte. Auch bei allen Kindern in der Nachbarschaft wurde der Hans bald beliebt. Als er älter wurde, war er bei allen Spielen der erste und wußte immer was Neues anzugeben. Alle Spiele gingen gut, wenn Hans dabei war. Da gab's niemals Zank und Streit; zankten sich wirklich zwei Kinder einmal, fuhr mein Hans dazwischen, machte jedem ein närrisches Gesicht, und alles mußte lachen.

Allmählich kam die Zeit heran, wo Hans ein Handwerk lernen sollte, und da er nach des Vaters Meinung zum Schuster nicht besonders geeignet war, so sollte er das Handwerk des Herrn Paten erlernen, der ein braver Schornsteinfegermeister und bei allen Leuten in der Nachbarschaft sehr angesehen war. Hans gefiel das Ding auch gar nicht übel. Mutig und gewandt schlüpfte er oben an den höchsten Häusern zu den Schornsteinen heraus; er wußte nichts von Schwindel, machte allerlei possierliche Faxen mit seinem Besen und sein russiges Gesicht lachte hinein in den blauen Himmel und hinab über die Stadt; dabei sang er wie ein Vogel auf dem Wipfel des Baumes.

Die Erwachsenen hatten Hans Lustig lieb und die Kinder auch, trotzdem er Schornsteinfeger war. Wollte man die Kinder mit dem Feuerrüpel zu fürchten machen, lachten sie; sie wußten ja, daß der Feuerrüpel niemand anders war als der Hans Lustig, der keinem etwas zuleide tat, im Gegenteil allzeit freundlich und gut war, und manche Kinder hatten sogar den Mut, ihm eine Patschhand in seine berußte Rechte zu geben.

img

So wuchs unser Hans immer mehr heran und ward ein tüchtiger Schornsteinfeger voll Herzhaftigkeit und Behendigkeit. Er konnte klettern wie eine Katze. Das zeigte er bei dem großen Brande, als das alte Rathaus mitten in der Nacht plötzlich in hellen Flammen stand! Der alte Türmer hatte versäumt, das Feuerzeichen zu geben, und so stand das altertümliche Gebäude mit seinen wichtigen Akten und Urkunden bereits in Flammen, als man erst das Unglück gewahr wurde. Der alte Türmer war aber unschuldig; denn in derselben Nacht war er gestorben. Hans war einer der ersten auf der Brandstätte, und die Gefahr nicht achtend, stürzte er in das Gebäude und rettete einen Schrank, der die wichtigsten städtischen Urkunden enthielt.

Am Tage darauf ließ ihn der Rat der Stadt vor sich kommen, und der älteste Ratsherr belobte ihn, dankte ihm im Namen der Stadt und fragte, welche Belohnung er wünsche. Hans antwortete ohne langes Besinnen, man möge seinem Vater die erledigte Stelle als Türmer übertragen. Dieses wurde ihm auch sogleich gewährt. Man konnte nicht sagen, wer glückseliger war, Hans, der seinem Vater eine sorgenfreie Stelle verschafft hatte, oder der Vater selber, der durch den Mut und die Bravheit seines Sohnes so über alle Sorgen und recht eigentlich in die Höhe gehoben wurde.

Der alte Schuhflicker besserte nun hoch oben auf dem Turme das Schuhwerk für die Menschen aus, die da unten umherliefen. Hans, der immer eine besondere Lust und ein Geschick für die Musik gehabt hatte, begann jetzt, den Zinken blasen zu lernen. In kurzer Zeit brachte er es darin zu großer Fertigkeit.