Sonst war das Gemach leer.
Hinter ihm war ein zweites, ein niedriges Gewölbe, in das man nur halbgebückt kriechen konnte, wohl, wie die rotgebrannten Steine vermuten ließen, ein großer alter Ofenraum.
In diesen Verschlag wies Johannes seinen Gast. Da war Josi vor jeder Entdeckung sicher. Niemand wagte sich in die Zelle des unheimlichen Kaplans; wenn je nach Wochen einmal ein Weiblein ins Schmelzwerk kam, um ihn zu einer kranken Kuh zu holen, so pochte es draußen schüchtern an, dann trat der Einsiedler heraus, gab ihr mit seiner Grabesstimme den Segen und ging mit ihr.
Er war gewiß ein unheimlicher Kauz, der Kaplan Johannes mit dem fahlen Gesicht und den lodernden Augen. Vor seinem Altar sang er oft Lieder, die stark weltlich klangen, sobald aber, das glaubte Josi zu bemerken, Leute des Weges zogen, ging er mit wenigen Modulationen in einen frommen Gesang über, wie man ihn am Altar der Dorfkirche hörte.
Am Abend, wenn der Weg einsam war, sprach Johannes oft laut mit sich selbst, schnitt Grimassen, verwarf die Arme, geriet in einen Taumel und vergaß, daß Josi da war.
»Die Mauer war hoch,« erzählte er klagend, »aber der Kastanienbaum war höher. Johannes saß darunter und lernte. Er lernte Tag und Nacht. Einmal aber im Herbst erzitterte der Kastanienbaum über seinem Haupt. Was zitterst du? Da legte Johannes das Buch nieder und stieg auf den Baum. Ein Ast ragte weit über die Mauer, vom Garten in einen Hof, der Ast schwankte. Johannes schaute über die Mauer. Da sah er Graziella, die Kastanien schüttelte. Sie hatte braune Arme und braune Augen und lachte über den Klosterschüler. Eines Tages aber sagte sie: 'Wenn du mich lieb hast, Johannes, steige nur vom Baum.' An der Mauer küßten sie sich. Mehrmals. Als das Laub fiel, rüttelte Graziella wieder am Ast und lockte — die Falsche. Der Schüler kletterte am Kastanienbaum über die Mauer, sie gab ihm einen Kuß, und dann warfen die Klosterbrüder ihn nieder — und dann« — seine Stimme hob sich zu einem klagenden, wiehernden Geheul — »sie haben mich im Gefängnis mit kaltem Wasser begossen — sie haben sich vergriffen an mir, daß ich nicht mehr Johannes bin.«
Er langte wie ein Wahnsinniger nach dem Kopf und hielt den Leib, als ob er Schmerzen hätte.
Josi graute es bei diesen Selbstgesprächen des Kaplans, schrecklicher war es ihm aber, wenn Johannes ihn zu peinigen begann.
Immer wieder kam er auf jenen Kuß zu sprechen, den er im Teufelsgarten Binia gegeben.
Ob er sie noch liebe? Ob er begehre, sie wieder zu küssen? Ob er sie einmal nackend sehen wolle? Er könne ihm mit einem Alräunchen dazu helfen. Er wisse, wo ein Alraun wachse, wie man die Wurzel ziehe und schneide, daß daraus ein kleines wunderthätiges Männchen werde.