»Josi, geh' zur Ruhe,« mahnt Vroni, »du bebst ja am ganzen Leib — du bist krank.«
Josi steht auf.
»Noch eins, Josi,« sagt der Garde, »so schwer es dir und mir fallen mag — gegen das Dorf wollen wir über Thönis That schweigen und wenigstens jetzt auch noch nicht vor Gericht klagen. Die Wildleutlawine hat sich gerüstet und das ist immer eine schwere Zeit — ein Wort von uns, und sie kann den Bären mit den heligen Wassern zusammenschlagen. Gieb mir die Hand darauf, Josi, daß du ruhig bist.«
Stumm reichen sich die Männer die Hände, zuletzt sagt der Garde: »Mit dem Presi will ich aber morgen doch reden — nicht seinetwegen — aber wegen des armen Dorfes.«
Zum erstenmal schlief Josi wieder in der Heimat, doch wirre Träume quälten ihn, am meisten der, Binia schwebe in irgend einer großen Gefahr und rufe mit ihrem Vogelstimmchen: »Josi — Josi — ich bitte dich — hilf mir.« Schreiende Amseln flogen die ganze Nacht um ihn und einmal war ihm, jetzt sei wirklich eine an die Kammerscheiben geschossen. Er wollte aufstehen, aber mit bleiernen Gliedern blieb er liegen. Im ersten Grauen des Morgens sah er ganz bestimmt etwas Weißes vor seinem Fenster. Er stand auf. Ein Briefchen, durch das ein Faden gezogen war, hing am Fensterhaken.
»Bini!« schrie er.
Sie schrieb: »Ich muß mich vor Dir rechtfertigen, sonst sterbe ich. Bei dem schönen, unvergeßlichen Tag von Santa Maria del Lago, sei heute um Mitternacht im Teufelsgarten. Dein unglücklicher Vogel Binia.«
Josi biß sich auf die Lippen und sein Gesicht verfinsterte sich. »Thorheiten, Bini,« flüsterte er, und beim frühen Morgenessen sagte er zu Vroni: »Schwesterlein, ich habe es mir überlegt. Ich muß wieder in die Fremde. Je bälder je besser. Am Sonntag noch wollen wir miteinander zur Kirche gehen, dann reise ich wieder ab.«
Und seltsam! Vroni war über seine Rede wohl traurig, das Wasser trat ihr in die Augen, aber sie widersprach ihm nicht.
Sie dachte an Binia und ihre ahnungsreiche Seele witterte Gefahr für Josi.