Mit einem Schlag hat sie die sichere Ueberzeugung gewonnen.
»Ja, jetzt Kampf!« Ihre Augen flammen auf, alles an ihr lebt und bebt. »Du wirst sehen, Vater, du armer, in einen Verbrecher vernarrter Thor, wie ich Thöni liebe.«
Mit fieberglühendem Köpfchen schwankt sie hinab in die Postablage. Sie hat die Hand am Telegraphenapparat: »Postdirektion. In St. Peter ist ein Postverbrechen geschehen. Ich bitte um Untersuchung. Binia Waldisch.« Da läßt sie die Hand sinken — der Schrecken lähmt sie. Der Vater ist der Posthalter, nicht Thöni. Hat je ein Kind seinen Vater den Gerichten ausgeliefert?
Wie mit Wasser begossen schleicht sie davon. Sie weiß ja nicht einmal, ob ihr brennender Verdacht gerechtfertigt ist. Und nun noch ein furchtbarer Gedanke: »Wenn der Vater in seinem wilden Haß auf Josi der Anstifter der Briefunterschlagungen wäre?«
»Schäme dich, Binia,« flüstert sie, »so ist er nicht. — Unerhörte Gewaltthaten haben dir sein Bild verdunkelt, aber du mußt ihm nur in die Augen sehen, in die lieben und schönen Augen, dann siehst du einen gewaltigen Mann, der sich eher würde zerbrechen lassen, als daß er mit Absicht und wissentlich bei einer Schlechtigkeit mithülfe. — Er ist das Opfer — armer, armer Vater!«
Ehe es Morgen wird, will sie hinter den Geheimnissen Thönis sein.
Sie sieht, wie ihr die Blicke der Frau Cresenz mißtrauisch folgen — sie geht in ihre Kammer — — sie liest den Ring Thönis knirschend auf — aber sie bringt ihn nicht mehr an den Finger — sie läßt ihn in die Tasche gleiten.
»Mutter,« flüstert sie, »jetzt sollte dein armes Kind klug sein wie eine Schlange.«
Sie steigt in die große Wohnstube hinab — sie näht — aber die Nadeln brechen und der Faden reißt. Und dennoch denkt sie: »Wie ich heucheln gelernt habe! Nähen — und das Herz zerspringt.«
Sie denkt an alles, was sie mit Josi gemeinsam erlebt hat. Sie sieht die Bilder, als schaue sie in einen Guckkasten: den kleinen Buben, der das wilde Kind herumträgt — den Kuß im Teufelsgarten — den schlafenden Josi, den sie mit Fränzi beschaut — Josi, das Knechtlein, das zerschmettert mit Bälzi geht — Josi, der unter dem Peitschenhieb des Vaters blutet — Josi, der zu Madonna del Lago erwartungsvoll vor der Gartenpforte steht.