Da hob Fränzi das schmerzlich verträumte Haupt: »O geht nur. Ich will wachen, ihr aber, Kinder, müßt noch etwas ruhen!« Sie brachte die in einen bleiernen Schlummer gesunkene Vroni zur Ruhe.
Sie aber wachte.
Der Morgen war empfindlich kühl, der Himmel rein, die Felsen der Krone standen wie die Mauern eines Münsters, ihre Firnen funkelten wie frischgegossenes Silber, im Thal hing der Tau an Baum und Strauch. Ueber den Stutz herauf erklang das Glöcklein der Lieben Frau an der Brücke.
Die Windungen des Stutzes hinab bewegt sich die Wallfahrt. Die alte Kirchenfahne, auf der St. Peter mit dem Schlüssel etwas ungeschickt hingemalt ist, knistert leise. Der Mesner führt sie. Die weißen kurzen Ueberhemden der paar Kreuzträger schimmern. Unter einem vom Alter gelblich angelaufenen Himmel, der sich mit dem stahlblauen Firmament nicht messen kann, und beim Zug über den Stutz hinunter manchmal bedenklich schief zu stehen kommt, schreitet der Pfarrer. Er trägt das Barett und ein langes Chorhemd, er schwingt den Rosenkranz und betet der Gemeinde mit lauter Stimme vor. Die vier Stangen des Thronhimmels werden vom Presi und drei Gemeinderäten gehalten, denn wenn jener schon ein verdächtiger Sohn der Kirche ist, erfüllt er aus Klugheit alles treulich, was sie nach Sitte und Brauch von ihm fordert. Hinter dem Thronhimmel trippelt die Jugend mit hellen Stimmen, unter ihr Josi, Vroni, Eusebi und die zierliche Binia, die mit ihren dunklen Augen verfahren in die Welt blickt, dann die Frauen und Männer.
So geht die Wallfahrt immer, wenn ein Mann an die Weißen Bretter steigen muß.
Wie die Teilnehmer die Felsen sehen können, spähen alle einen Augenblick dort hinauf, aber an den hellschimmernden Wänden ist noch nichts weiter zu entdecken, als daß die Kännel fehlen. Das Wasser der Glotter hat sich durch die schauerlichen Eistrümmer gefressen, die in der Schlucht liegen, und einzelne der niedergefegten Kännel ragen aus ihnen hervor.
Die Prozession zieht am Schmelzwerk vorbei über die Brücke zur Kapelle und kniet vor ihr nieder, aber die Gebete rauschen nicht so heiß wie gestern um die Dorfkirche. Es handelt sich heute nicht um den eigenen Mann, sondern um Wildheuer Seppi Blatter. Gewiß ist die Fürbitte für ihn heilige Pflicht, aber bis sein Werk gethan ist, bis das Glöcklein aufhört zu bimmeln und zu mahnen, kann man den Himmel noch genug anrufen.
Die Männer gehen oder schleichen sich hinweg und zurück gegen den Stutz, die Knaben folgen dem Beispiel, nach einiger Zeit besteht die Gruppe der Betenden vor der Kapelle nur noch aus einem Häufchen Weiber, die um Fränzi knieen, die Neugierigen aber sammeln sich im Teufelsgarten, oder etwas höher am Schmelzberg, und starren an die Weißen Bretter hinauf.
Der Presi trägt eine rote Fahne, seitwärts von den Weißen Brettern schimmert auch eine solche, eine dritte vermag man auf der mittleren Spitze der Felsen zu erkennen.
»Der Garde hält sie!« Josi, der, die Hände in den Hosensäcken geballt, unter den Männern steht, hat Zutrauen zu ihm.