Da ging wieder ein langhallender Donner durch die Ruhe des Thales. Josi sprang auf: »Ja, es ist doch wahr. Die Wildleutlaue geht wieder los! Sieben Jahr ist der Gletscher zurückgegangen und sieben Jahr gewachsen, das letzte Jahr war ein schlechter Sommer und jetzt ist ein guter — da bricht der Eissturz los!«

Binia ließ die Schwarzaugen funkeln, Vroni mahnte ab: »Sage nichts Sündiges, schau' doch in die Kapelle, wie viel Marterkreuze von denen an den Wänden stehen, die in die Felsen haben steigen müssen, wenn das helige Wasser von der Wildleutlawine zerstört worden ist.«

Die Kinder warfen einen schaudernden Blick in die Dämmerung der Kapelle. Ihre Wände waren mit hölzernen und eisernen Täfelchen ganz bedeckt, auf denen die Namen von Verunglückten und fromme Sprüche standen.

»O, wie traurig,« sagte Vroni, »da ist es kein Wunder, wenn die Leute bei uns nicht so laut singen und lachen mögen, wie draußen im großen Thal und alle so still und ernst sind.«

Aber die anderen hatten keine Lust, ihren Betrachtungen zu folgen.

»Du, Vroni, erzähl' uns doch wieder einmal die Geschichte von den heligen Wassern, du erzählst sie so schön,« schmeichelte Binia, indem sie sich flink zwischen die Geschwister drängte und an die Freundin schmiegte.

»Das ist eine lange Geschichte,« warf Vroni ein, es war aber, als gehe von den dunklen Augen Binias ein Zwang auf sie, sie lächelte und streckte die rote Schürze zurecht: »Ja, nun so, wir kommen schon noch heim.«

Von ihrer Mutter hatte Vroni den Ruf einer geschickten Erzählerin überkommen. Ihre blauen Augen gingen träumerisch ins Weite, sie überlegte, faltete die Hände über dem Knie und begann: »Also, das ist so lange her, daß es nirgends in den Büchern aufgeschrieben steht. Da gab es neben uns rechten Leuten im Glotterthal noch Wildmännlein und Wildweiblein, die in den Wäldern wohnten. Es geschah nun, daß einer von den rechten Hirten ein Wildmädchen Namens Gabrisa, das mächtig schön war, lieb gewann. Ihr dunkles Haar reichte bis auf den Boden, ihr Gesicht war weiß und ihre Stimme tönte wie Glockenspiel. Allein ihrem Geliebten mißfiel es, daß sie jedesmal, wenn Vollmond war, zu den Ihrigen in den Wald verschwand. Einmal brachte er nun am Tag vor dem Vollmond Wein von Hospel herauf. 'Trink, Gabrisa,' sagte er. 'Ist das güldenes Wasser?' fragte sie, denn sie kannte den Wein nicht. Und er antwortete: 'Ja, das ist güldenes Wasser.' Da trank Gabrisa und der Wein schmeckte ihr gut. Als sie in den Wald eilen wollte, trugen sie die Füße nicht, sie schwankte, fiel und schlief ein; als sie aber erwachte, sprang sie in den Wald, wandte sich noch einmal nach dem Geliebten um und sang ihm mit ihrer schönen Stimme zu:

'Güldenes Wasser, das macht mir Pyn,
Ich darf nit mehr dine Liebste syn!'

Das Mädchen war verschwunden. Aus Zorn über den Schimpf, der Gabrisa und damit sie alle getroffen, bannten die Wildleute die Wolken, daß sie ihr Naß nicht mehr über Hospel und die fünf Dörfer ausleeren konnten, wo der Wein, den sie getrunken hatte, gewachsen war. Die Rebberge verdorrten, Aecker und Wiesen standen ab, es trat eine große Hungersnot und ein großes Sterben ein, das nicht mehr aufhören wollte.«