Des Dorfes Abgeschied'ne reden,
Es reden toter Bursch und Braut,
Man kennt und nennt im Ringe jeden —
Da klagt ein Knöspchen frischbetaut:
'Wir sind im Thal — nur einer fehlt,
O, wie sich der in Heimweh quält.'
Gebräunter Bursch ist fortgezogen,
Den Mund so rot, den Blick so hell,
Dahin mit Wellen und mit Wogen
Gewandert ist der Frohgesell,
Doch, als er stand an blauer See,
Da schrie sein Herz nach Berg und Schnee.
Du armer Knabe! Schlaf am Meere!
Sieh, Gottes sind so Flut wie Firn,
Sieh, Gottes sind die Sternenheere,
Er schickt den Tropfen, der die Stirn
Mit frischem Gletschergruß umspült,
Der dir das heiße Heimweh kühlt!«
Hatte Vroni ihr Kämmerlein aufgesucht, so hörte sie die Mutter noch eine Weile in der Stube hantieren. Das letzte war immer, daß Fränzi die Thüre oder ein Fensterchen öffnete und irgend einen Bissen auf den Tisch stellte. Wenn am Morgen die Kinder kamen, waren die Fenster verschlossen, der Bissen verschwunden.
»Wozu das, Mutter?« fragte Vroni ahnungsvoll.
»Für die armen Seelen, für den Vater, wenn er unter ihnen ist.«
»Der Vater ist ja mit den heiligen Sakramenten in den Tod gegangen.«
»Wer ist sicher, daß er an den heligen Wassern nicht doch noch etwas gedacht oder gethan hat, was er büßen muß. Ein Tag hat tausendmal tausend Augenblicke und in jedem können wir zur armen Seele werden. Gäbe es sonst so viele Abgeschiedene, die in die Gletscher eingefroren sind, daß man nicht über das Eis gehen kann, ohne daß man ihnen auf die Häupter tritt? Die Krone ist voll Wehklagen der Frierenden, in den Gletscherspalten hört man sie weinen und diejenigen, die hoch auf den Bergen armen Seelen begegnet sind, werden nimmer froh, sie verlieren das Lachen und die roten Wangen. Ihr habt Abrahämi nicht mehr gekannt. Er war ein Gemsjäger. Einmal, als er hinter einem Felsblock auf eine Gemse lauerte, sah er plötzlich zwei arme Seelen. Die eine kämmte ihr welliges Haar, die andere sang, denn beide waren bald erlöst und freuten sich der warmen Sonne. Es waren vornehme Mailänderinnen, die in ihrem Leben vor vieler Weltfreude vergessen hatten, Armen Gutes zu thun. Sie erzählten Abrahämi ihr verfehltes Leben so beweglich und ihre Schönheit war so groß, daß er vor Mitleid und Liebe fast verging. Sie baten ihn, er möge im Thale nicht erzählen, daß sie so schwer büßen, denn es könnte sonst die Nachricht davon bis nach Mailand zu ihren Verwandten gelangen, und das wäre ihnen nicht lieb. Als aber Abrahämi, der Gemsjäger, ins Thal kam, konnte er es nicht verschweigen, was für schöne Frauen er auf dem Gletscher gesehen habe. Da wurden seine Füße und seine Zunge lahm und viele Jahre saß er so auf dem Dengelstein vor seinem Hause und schaute in Sehnsucht nach den Firnen der Krone, ob er die schönen Frauen nicht erspähen möchte. Eines Tages flogen zwei schneeweiße Tauben über das Thal. Das waren die erlösten Seelen. Abrahämi mochte wieder aufstehen und reden, doch lachen hat er nie mehr mögen, sondern immer gesagt: 'Kränkt keine arme Seele.'«
So erzählte Fränzi und in Vroni erklangen die Glocken des Glaubens, daß ihr ganzes Wesen erfüllt würde mit den Ahnungen der Sage. Und war Josi trotzig und finster, so blühte in ihrem frischen, von blondem Haar umspielten Gesicht stillinniges Leben auf.
Wenn in der Nacht der Wind durch die Felsen weinte, die weißen Nebel am mondbeschienenen Berghang schwebten, dann glaubte auch sie die Züge jener Toten zu sehen, die von den Gletschern ins Thal steigen und es durchwandeln.