Bälzi ging es einmal schlecht. Aus Rache, daß er sich in den Dienst der Fremden gestellt, bereiteten ihm die schwärmenden Nachtburschen ein kaltes Bad in der Glotter.
Aber auch manche Vorurteile gegen die Sommerfrischler verschwanden im Laufe der drei Jahre, die sie nun schon ins Thal kamen.
Einzelnen Dörflern begann der Zustand zu behagen, es war im Bergthal entschieden kurzweiliger geworden, und unter den Gästen, die erschienen, gab es Leute, die sich ehrlich bemühten, sich mit ihnen auf einen freundlichen Fuß zu setzen und die eigenartigen Verhältnisse des Thales zu begreifen. Für solche Gäste hatten, soweit sie ihr Mißtrauen gegen die Fremden ablegen konnten, auch manche von St. Peter einiges Verständnis. Sogar der Pfarrer eiferte minder gegen sie, als er sah, daß es unter ihnen kenntnisreiche Bienenfreunde gab, die der Zeidlerei im Hochthal eine warme Wißbegier entgegen brachten, und die Damen bei ihm die Leinensäcklein voll weißen Alpenhonigs, die unter den Fenstern des Pfarrhauses hingen, kauften und mit großem Ruhm über seine Güte wiederkamen.
Sommer um Sommer wuchs die Zahl der Gäste.
In der That! Wie viel bot dem das Glotterthal, der nicht nur für die Felsendome und Firnen der Krone, sondern auch für das Volksleben ein offenes Auge und Herz besaß. Da lebte ein Völkchen, das zwar nicht die Hirtenunschuld zeigte, die manche Schwärmer in den abgelegenen Alpenthälern suchen, ein Völklein, bei dem es so stark menschelte wie überall in der Welt, das aber doch einige besondere Eigenschaften hatte. Diese Bauern und Aelpler behalfen sich in allen Dingen selbst. Unter ihnen gab es keine Handwerker. Maurer, Zimmermann, Schindler und Dachdecker, Schneider und Schuster war jeder sich selbst. Den Lein und die Wolle, in die man sich kleidete, zog, bleichte, spann und wob man selbst; das Brot schmeichelte man, wenn es nicht in einem Jahr ging, in zweien den steinichten Aeckerchen ab und ob sich die hellgoldenen Roggenähren kaum recht aus dem Boden reckten, sie gaben ein schmackhaftes dunkelbraunes Brot, und ein Schluck Hospeler darauf war Gottes Wohlthat. Brot und Wein schmeckten auch den Fremden.
Der Presi lachte, arbeitete und es ging ihm gut. Bevor aber die Fremden zum viertenmal kamen, verbreitete sich im Dorfe die Nachricht, daß Fränzi todkrank sei.
Noch einmal sah Binia die mütterliche Freundin, aber sie lag schon mit spindeldürren Händen zu Bett und war blaß wie der Tod. Lieb und gut freilich war sie zu ihr wie immer: »Binia, liebes Kind, ich sterbe mit dem heißen Wunsch, daß du glücklich werdest.«
Wie entsetzlich wütete aber der Vater, als er vernahm, daß Frau Cresenz, die immer eine gewisse Teilnahme für die Witwe des zu Tode gestürzten Wildheuers bewiesen hatte, sie heimlich mit ein paar Flaschen guten Weines zu Fränzi geschickt hatte: »Gottes Donnerwetter! Daß sie mit dem Lotterbuben wieder anbändeln kann!«
Mißtrauisch beobachtete er sie.
Als Fränzi bald darauf starb, verschwamm vor den Augen Binias die Welt, sie dachte: »Jetzt nehmen die Engel Gottes die Notenblätter zur Hand und singen zu ihrer Ankunft im Himmel.«