»Ja, Vater – ja – ja – ja!« stammelte sie inbrünstig und umklammerte seine hager gewordenen Hände mit leidenschaftlicher Kraft.
Nach ein paar Tagen kam der Todeskampf über ihn.
Es war ein Sturm- und Schneetag, als man Pfarrer Tappoli beerdigte. Der unwillkommene Schwiegersohn hielt eine leidliche Rede auf ihn, dann stieg ein alter weißbärtiger Dekan auf die Kanzel und sprach besser.
Unter der Menge Leidtragender, der gesamten Gemeinde, die im Schneegestöber auf dem Kirchhof stand, befand sich auch Ulrich, der tief um seinen Religionslehrer trauerte. Seine Augen waren auf Monika gerichtet. Im langen, schwarzen Trauergewand erschien sie ihm noch schlanker als sonst, in ihrem Gesicht, das keine Farbe mehr hatte, stand ein tränenloser, wie zu Marmor erstarrter Schmerz, der neben dem heftigen Weinen und Schluchzen der übrigen Familienangehörigen erschütternd wirkte. Ulrich durfte in dieser leidvollen Stunde nicht daran denken, daß er sie liebe, nur weinen hätte er mögen vor Mitleid mit ihr.
Ferdinand Bürsteler, der durch den Tod des Pfarrers vom Vikar zum Verweser vorgerückt war, namentlich aber seine Braut und die verwitwete Pfarrerin hofften, daß er zum ständigen Geistlichen des Städtchens ernannt werde und sie ungestört im lieben Haus bleiben dürften, durch das noch der feine Geist des Verstorbenen ging. Damit sich der Ruf Ferdinands im Städtchen bessere und die Bürger etwas Achtung vor ihm bekämen, nahmen ihn Braut und Mutter in eine strenge Erziehung. Sie kamen aber mit ihren wohlmeinenden Bestrebungen zu spät. Die Kirchenpflege richtete eine Zuschrift an ihn, sein Entlassungsgesuch, das er in Wahrheit gar nicht eingereicht hatte, sei genehmigt, und legte dazu ein Zeugnis über seine Tätigkeit im Städtchen, das nach dem Grundsatz gehalten war, man solle dem fliehenden Feind goldene Brücken bauen. Mochte eine andere Gemeinde sehen, wie sie mit ihm fertig würde.
Als er sich vom ersten Staunen darüber erholt hatte, nahm er es nicht mehr schwer und begriff nicht, daß Julia und die Mutter heiße Tränen über das höhnische Benehmen der Pflege vergossen, merkte aber, daß die blasse Nick über diese Wendung hochaufatmete. Am liebsten hätte er die junge, feine Schwägerin auf den Händen getragen, aber da gab es nichts zu drehen und zu deuten, sie war, wenn auch verhalten, seine unversöhnliche Feindin.
Eine Kalesche führte Bürsteler mit seiner Braut aus dem Städtchen ins liebliche Oberland, wo sein Vater wohnte, und hinter ihnen öffnete Monika die Fenster des Hauses, um die Vorfrühlingswinde durch die Räume strömen zu lassen.
»Du bist boshaft,« schalt die Mutter. »Alle Achtung vor Ferdi! Er hat ganz im stillen die vielen alten Bücherrechnungen des Vaters bezahlt. Woher hätten wir das Geld genommen?«
Die betroffene Nick spürte, wie die Armut ins Haus zog und sie durch den vorzeitigen Tod des Vaters selber ein Vöglein auf dem Ast geworden war. Die Unbesorgtheit des Vaters in Gelddingen, die kleine Besoldung, der viele Besuch! Daran lag's! Ausgeträumt war der Plan eines Bildungsjahres im Welschland; die kleine Vermögenshinterlassenschaft reichte nur, um Dietrich durch die begonnenen Studien zu bringen. Sie und die Mutter aber mußten froh sein, wenn sie als Kostgeberinnen eines künftigen Verwesers im alten Heim bleiben durften. Nur dieses nicht räumen müssen!
Im Städtchen wußte man, wie es um die verwaisten Pfarrersleute stand. Die Kirchenpflege kam, zu Ehren des verstorbenen Tappoli, den stillen Wünschen der Witwe entgegen und richtete wieder eine Verweserei ein. Dabei dachte sie auch rücksichtsvoll an Nick. Obwohl sie noch etwas zu jung war, hätte man sie im Städtchen gern als Pfarrersfrau gesehen; man hoffte, einem kommenden Verweser werde es von selber einfallen, dem schönen, gescheiten Mädchen die Hand zu reichen.